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Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkriegs in Aurich21.10.2026
Text und Fotos: Joachim Mittelstaedt
Durch die Aktivitäten von van Senden und Alberts wurden letztlich verlustreiche Gefechte und viele Tote in der Stadt vermieden. Der Bericht zeigte einmal mehr, wie großer Mut und Zivilcourage einzelner Menschen in schwierigen Lebenssituationen Tod und Vernichtung verhindern können.
Friedrich van Senden und Heinrich Alberts machten sich am Abend des 3. Mai 1945 von Aurich auf den gefährlichen Weg über Ihlowerhörn nach Westgroßefehn und von dort weiter nach Ulbargen. Dort hatte General James A. Roberts von der vorrückenden 8. kanadischen Brigade nach der Einnahme von Leer, die Stadt Emden war bereits zu 80 % zerstört, sein Hauptquartier aufgeschlagen.
Alliierte Truppen der Kanadier vor Aurich
Die Kanadier verfügten in den letzten Kriegstagen in Ostfriesland über 9000 gut ausgebildete Soldaten. Über 100 Geschütze mit reichlich Munition waren auf der Straße nach Timmel in Richtung Aurich ausgerichtet. Dort war die Stimmung in der Bevölkerung zu diesem Zeitpunkt gespalten. Viele fürchteten noch immer die Repressalien des NS-Regimes. Schließlich gab es an vielen Stellen und Behörden auch in diesen letzten Kriegstagen noch immer überzeugte Nazis. So waren selbst in den letzten Kriegstagen an der heutigen Bundesstraße 72 an mehreren Stellen Wehrmachts-Soldaten mit Maschinengewehren postiert, um den Weg zu bewachen. Andere aber überlegten, wie sie die drohende Zerstörung ihrer Stadt bei einem zu erwartenden Angriff in den allerletzten Kriegstagen abwenden könnten. In einer Demonstration am 3. Mai auf dem Auricher Marktplatz forderten viele Menschen den Stadtrat zum Handeln auf. Der Kreisbedienstete Willy Claassen zog mit Kollegen aus dem Kreishaus mit einer weißen Fahne unter dem Zuspruch vieler Bürger zum amtierenden Bürgermeister Rassau zu dessen Apotheke in der heutigen Burgstraße und forderte die kampflose Übergabe.
Es fehlt der Mut zum Handeln
Aber die Entscheidungsprozesse dauerten zu lange. Bei vielen fehlte der Mut zum Handeln. So machten sich zwei Personen, Heinrich Alberts, damals Leiter der AOK und der Oberstudiendirektor am „Ulricianum“ Friedrich van Senden, auf den gefährlichen Weg zum kanadischen Hauptquartier. Auf abenteuerlichen Schleichwegen, auch um nicht von deutschen Soldaten getötet zu werden, erreichten die beiden Auricher am 3. Mai gegen 23.00 Uhr das kanadische Hauptquartier in Ulbargen (Hof Andreessen).
Im Gespräch mit dem kommandierenden kanadischen General Roberts sagte dieser eine Waffenruhe bis zum 4. Mai, 12.00 Uhr mittags, zu. Seine Bedingung: eine Delegation, bestehend aus einem Offizier mit Vollmacht, dem Bürgermeister der Stadt Aurich und einem Dolmetscher, müssen bis 12.00 Uhr bei den kanadischen Linien eintreffen. Ansonsten sei die Waffenruhe beendet und ein Angriff auf die Stadt würde erfolgen.
Hektische Absprachen
zwischen deutschen Militärs und aktiven Bürgern
Am Vormittag des 4. Mai gab es dann hektische Gespräche und Aktivitäten. Insbesondere militärische Dienststellen taten sich noch immer schwer mit der Bereitschaft aufzugeben. Um 11.15 Uhr machten sich aber schließlich der Auricher Bürgermeister Rassau, van Senden und Oberstleutnant Harms mit einem Auto auf den Weg. Das Fahrzeug fährt sich bei Schirum in einem Sprengtrichter fest. So geht es mit geliehenen Fahrrädern weiter. Um 12.00 Uhr erreicht die Auricher Delegation bei der Kreuzung Ostersander/Holtrop die kanadischen Linien. Sie werden zum Hauptquartier an der heutigen Bundesstraße 72 gebracht. Dort findet ein Gespräch mit den Kanadiern statt. Gegen 13.00 Uhr fährt dann die deutsche Delegation zusammen mit hochrangigen kanadischen Militärs um General Roberts in die Auricher Kaserne. Dort gibt es weitere Verhandlungen mit dem deutschen Standort-kommandanten Kapitän zur See Jaehnke. Der lehnt eine bedingungslose Kapitulation Aurichs ab. Trotzdem einigt man sich auf folgendes Vorgehen: Es besteht weiter eine Waffenruhe. Die deutschen Truppen werden hinter den Ems-Jade-Kanal zurückgezogen. Beide Parteien warten auf das Ergebnis der Kapitulationsverhandlungen auf höchster militärischer Ebene.
Zivilcourage und Mut
verhindern Zerstörung der Stadt
Ohne den Einsatz von Friedrich van Senden und Heinrich Alberts wäre die Stadt Aurich wohl mit Artillerie und Bombern angegriffen worden. Das hat der kanadische General Roberts in seinen Memoiren bestätigt. Die Kanadier wollten ihre Soldaten nicht kurz vor dem sich deutlich abzeichnenden Ende des Krieges noch unnötig in einen direkten Angriff auf die Stadt schicken, was zu vielen weiteren Opfern geführt hätte.
So kam der Referent Reiner Alberts am Ende in seinem Vortrag zur abschließenden bewertenden Aussage: „Mut stand am Anfang des Handelns, Glück am Ende“.
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