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„Esse ich jetzt erst 'n Mars oder 'n Snickers?“23.09.2026



Interview Christina Makonnen, Foto: Veranstalter


MoX: Durch eine Verkettung von Ereignissen kamen Sie 2007 vom Bürojob zum Extrem-Wandern und laufen seit bald 20 Jahren um die Welt: Könnte nächste Woche etwas ähnlich Einschneidendes in Ihrem Leben passieren, das Sie in die nächste jahrzehntelange Passion stürzt? Wird Christine Thürmer ein zweites Erwachen als Extrem-Kaffeebauer erleben, oder muss es schon das Wandern und Reisen sein?
Christine Thürmer: Da muss ich schmunzeln, weil ich trinke null Kaffee! Also: Theoretisch ja, praktisch nein. Was meine ich damit? Ich habe mit dem Wandern angefangen, dann kam meine Karriere als Bestsellerautorin, und als das ein bisschen zur Routine wurde, habe ich angefangen, als Speaker aufzutreten. Immer, weil ich dachte: Ich brauche jetzt die Challenge! Ich kam ja vom Management, und auch noch aus der Unternehmenssanierung. Da entscheiden Sie über Schicksale, das ist emotional natürlich sehr hart. Die täglichen Entscheidungen unterwegs hingegen, lauteten nur noch: Esse ich jetzt erst 'n Mars oder 'n Snickers? Und jetzt kommt das praktische Nein, warum Ihr Beispiel nicht funktioniert: Ich bin ein unglaublich freiheitsliebender Mensch. Sie müssen sich vorstellen: Ich bin jetzt 59, ich wohne in einer winzigen Plattenbauwohnung, ich habe keine Möbel! Das heißt, wenn ich mir jetzt überlege, ich lebe lieber in einer Blockhütte in Alaska, dann ist es für mich kein Problem, meine Zelte hier abzubauen. Würde jetzt etwas kommen, wo ich diese Freiheit behalten könnte, wäre das durchaus spannend.
MoX: In Ihren Liveshows, Büchern und auf Social Media wollen Sie auch zum Wandern ermutigen - wovor haben die Menschen am meisten Angst? Was sind die Top 5 Unsicherheiten, die Sie zu hören bekommen?
Christine Thürmer: Die meistgestellte Frage bei mir, egal in welchem Land ich bin, egal wie alt der Fragesteller ist, sogar egal welches Geschlecht der Fragesteller hat, ist immer: „Hast du keine Angst so alleine als Frau?“ Die Hauptangst ist, muss man einfach so deutlich sagen, dass man vom Mann überfallen wird. In meiner Show gehe ich auch genau die meistgenannten Angstfaktoren durch und frage einen Mann aus dem Publikum: „Du willst jetzt 'ne Frau überfallen. Gehst du dann nachts in den Wald und wartest hinter den Bäumen versteckt bei Dauerregen und Wind und Wetter, dass da eine allein wandernde Frau vorbeikommt?“ Und dann frag ich: „Jetzt stell dir mal vor, du kommst zufällig im Wald an einem Zelt vorbei. Würdest du da hingehen und nachschauen, wer drin liegt?“ Sagt quasi jeder Mann: „Nein!“ Sie können den Leuten die Angst nicht mit Statistik nehmen, die müssen Sie emotional packen.Dann kommt eine weitere Angst, die genauso irrational ist: wilde Tiere. „Hast du keine Angst, dass nachts eine Schlange in dein Zelt kriecht?“ – „Nein, es gibt gar keine Schlangen hier.“ Gefolgt von der Angst davor, nicht fit genug zu sein und nicht mit den Entbehrungen klarzukommen. Und dieses Wort „Entbehrung“ ist so ein Schlüsselwort. Das ist wie die Betrachtungsweise, ob das Glas halb voll oder halb leer ist. Ich bin sehr reduziert unterwegs, nur mit 5 kg. Auf so 'ner Wanderung schlafe ich auf einer Isomatte, 5 cm dick, Waschen ist überhaupt nicht, maximal im kalten Bach. Wenn ich dann einmal die Woche, hurra, in die Stadt komme, und ich habe ein weißes, weiches Bett und stehe mit duftendem Duschgel unter meiner Dusche – ich sage Ihnen: Da könnte ich schreien vor Glück!
MoX: Das waren die Ängste Ihrer Leser und Follower. Wovor haben Sie denn noch Angst?
Christine Thürmer: Ich denke mir vor fast jeder Wanderung: Oh Gott, was hast du dir da jetzt wieder für 'n Mist ausgesucht? Habe ich jetzt die richtige Tour gewählt? Oder, oh, will ich das jetzt wirklich machen? Zum Beispiel von der Distanz her oder vom Anspruch her. Ich war jetzt gerade im Baltikum unterwegs, wo ich mich auch fragte: Das ist so flach, will ich das jetzt wirklich machen? Und dann wird's immer toll. Also ich kenne das ja schon.
MoX: Vor einigen Jahren kursierte im Netz eine hypothetische Frage an alle Frauen: „Du bist allein im Wald und hast dich verirrt. Würdest du in dieser Situation lieber einem Bären oder einem Mann begegnen?“ Tausende Frauen antworteten erstaunlicherweise, ihnen wäre die Begegnung mit dem Bären lieber. Die Aktion sollte auf das fehlende Sicherheitsgefühl von Frauen aufmerksam machen. Jetzt mal aus der echten Erfahrung: Sie haben sich ja sicher schon mal alleine im Wald verirrt. Vielleicht sind Sie da auch einem Bären oder einem Mann oder beidem schon mal begegnet. Was passiert da wirklich?
Christine Thürmer: Also ich bin beidem schon begegnet, und ganz ehrlich: Diese ganzen Frauen, die da sagen „Lieber Bär“, die haben einfach keine Ahnung! Im Gegensatz zu Bären haben mir Männer schon des Öfteren Wasser, Schokolade oder Hinweise angeboten. Das ist mir mit einem Bären noch nie passiert! Das Buch „Wild“ von Cheryl Strayed, das mit Reese Witherspoon verfilmt wurde, hat mit dieser Legende angefangen. Eine Frau geht alleine wandern und jeder Mann ist eine Gefahr. Ich habe das so erlebt, dass die Menschen, die man im Wald trifft, ja aus Gründen da sind. Die müssen dort arbeiten oder sind Jäger, Wanderer wie man selber. Gerade in der Hiker-Community habe ich festgestellt, dass man sich gegenseitig erstmal als asexuelle Wesen betrachtet. Der Trail ist der große Gleichmacher: Alle müssen denselben Berg hoch, alle müssen durch die 5 Tage Dauerregen, egal ob Männlein oder Weiblein, egal wie alt, egal wie reich oder arm.
MoX: Vor dem bösen Mann im Wald muss sich also niemand ernsthaft fürchten. Wie sieht es denn mit dem Bären aus? Christine Thürmer: Da gibt's nur den geordneten Rückzug, ne? Ich habe wirklich zweimal zufällig Grizzlybären getroffen, dann heißt's: Nicht rennen. Nicht den Jagdinstinkt triggern, hoffen, dass der Wind richtig steht, der Bär einen nicht erschnuppert und dann rückwärts abhauen.
Was mich wirklich an der Mann-oder-Bär-Frage ärgert, ist, dass den Frauen immer nur die Nachteile des Alleinwanderns erzählt werden und nie die Vorteile. Natürlich gibt es frauenspezifische Nachteile, die will ich nicht kleinreden. Aber die angebliche Schwäche von Frauen ist in Wahrheit ein Riesenvorteil: Sie werden nämlich nicht als Bedrohung wahrgenommen. Frauen schlägt deswegen deutlich mehr Hilfsbereitschaft und Nachsicht entgegen. Wenn ich beim Wildzelten erwischt werde, dann komme ich wahrscheinlich mit einer Ermahnung davon, als wenn da ein gleichaltriger bärtiger Mann drin liegt. Oder wenn ich nach Wasser frage, eine Mitfahrgelegenheit zum Einkaufen brauche und und und.
MoX: Wer hat Ihre Show „Wandern total“ nötig, was kann man als Zuschauer mitnehmen und erleben?

Christine Thürmer: Es ist vor allen Dingen extrem lustig und sehr unterhaltsam. Sie können auch, wenn Sie sich null fürs Wandern interessieren, einen schönen Abend haben. Sie lernen natürlich viele Aspekte des Wanderns kennen, und der ganze zweite Teil der Show ist eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, wie Mann und vor allen Dingen Frau die Angst vorm alleine Wandern verliert. Ganz oft lese ich dann in meinen Kommentaren: Nach der Show will man einfach sofort selbst loswandern. Ich sage ja ganz offen: Ich habe Plattfüße, X-Beine, Übergewicht, und trotzdem bin ich die meistgewanderte Frau der Welt und keine dieser hübschen, durchtrainierten Influencerinnen. Wer also den letzten Schubs braucht, Angst hat und sich immer noch sagt: „Ich trau mich nicht alleine“, für den ist das genau der richtige Abend.

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