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Herzensangelegenheit09.09.2026
Text und Foto: Thea Drexhage
„Man muss ein bisschen wahnsinnig sein, um das zu machen“
In Zeiten des Kultursterbens ist das Pumpwerk ein sicherer Hafen für die Kulturszene im Nordwesten. „Ich denke, wir befinden uns in einer sehr guten Situation, weil wir eben eine Tochter der Stadt sind. Das macht es einerseits leicht, andererseits ist Kultur auch immer das Erste, was gestrichen wird. Da ist Wilhelmshaven, die Stadt, der Rat, eine Bastion die stark dagegenhält“, erklärt Mirko Wenzel. Dieser ist seit seiner Kindheit mit dem Pumpwerk verbunden und seit 2017 Teil des Teams bzw. Teamleiter. Für ihn ist das Pumpwerk eine Herzensangelegenheit, besonders die Möglichkeit, den Menschen aus der Region ganz verschiedene Künstler*innen nahezubringen, sei ein besonderes Highlight. Das erlebt Heike Gorath im Hause schon seit 1988. Seitdem konnte sie viele Veränderungen in der Branche als auch im Publikum beobachten. Die Menschen seien heutzutage offener für Neues, sodass man feste Zielgruppen kaum noch festlegen könne. Für sie bedeuten 50 Jahre Pumpwerk auch das Kommen und Gehen vieler Menschen im Team: FSJ’ler die sich dann dauerhaft für Kulturarbeit begeistern oder Auszubildende, die ihr Gelerntes an anderen kulturellen Orten in der Region fortsetzen. Zu diesen FSJ’lern zählte auch Tom Rakow, der mittlerweile seit 5 Jahren zum Team gehört: „Bei mir ist es ähnlich wie bei Mirko. Ich verbinde auch tolle Kindheitserinnerung mit dem Pumpwerk und habe hier beispielsweise Johannes Oerding und Pohlmann gesehen. Als ich mich nach einem FSJ umgeschaut habe, war ich ganz erfreut, dass das hier angeboten wird.“ Der Kontakt zu den Künstlern bereitet ihm in seiner Arbeit besonders viel Freude, vor allem die begeisterte Reaktion auf den besonderen Saal wäre immer wieder eine schöne Bestätigung. Im Anschluss an eine Veranstaltung am Ausgang zu stehen, sich noch einmal mit den Gästen zu unterhalten und Feedback zu bekommen, wäre auch ein wichtiger Aspekt, um dazuzulernen und auf die Bedürfnisse der Gäste einzugehen. Das kann Reent Fröhlich ebenfalls unterschreiben. Er arbeitet seit 2010 im Hause und hat schon etliche Künstler*innen und tausende Gäste kommen und gehen sehen. Neben der Musik ist sein Steckenpferd die Soziokultur. Für ihn bedeutet Kulturarbeit, für die Sache zu brennen. Man dürfe diese nicht als 9-to-5 Job ansehen. Es gilt, mit Herausforderungen umgehen zu können, wie die schwierige geografische Lage von Wilhelmshaven. Hier kommt die Geschichte des Hauses dem Booking zugute, denn viele Bands, seien es die Ärzte oder die Fanta 4, waren hier in ihren Anfangstagen zu finden und so ein guter Ruf, der spricht sich dann auch rum.
Neue Anforderungen
Natürlich bedeuten 50 Jahre auch, dass man sich nicht dauerhaft auf alten Lorbeeren ausruhen kann, sondern sich weiterentwickeln muss, um neuen Anforderungen gerecht zu werden. Für die naheliegende Zukunft sind einige Modernisierungsmaßnahmen im Hause geplant, um neue Standards und Anforderungen umzusetzen. Besonders für die Soziokultur sollen mehr Räume geschaffen werden. „Gern möchten wir das Haus wieder anders öffnen und Möglichkeiten bieten für Workshops und ähnlichem. Generell möchten wir gern die Aufenthaltsqualität steigern“, so Heike Gorath. Gerade, weil sich gesellschaftlich so vieles ändert, müssen Räume wie das Pumpwerk die Möglichkeit schaffen, dass sich Menschen begegnen und austauschen können. Natürlich wirken sich auch politische Entwicklungen direkt auf die Kultur aus. Gerade bezüglich des Rechtsrucks bezieht das Pumpwerk aber eine klare Haltung. „Wir haben viele Partner wie die Gemeinnützige Gesellschaft für Paritätische Sozialarbeit oder auch den CSD, den wir mit unterstützen. Daher ist für uns klar, dass wir Stellung beziehen müssen. Im Pumpwerk hängt eine Flagge von Kein Bock auf Nazis mit den Pride-Farben und alles, was dagegenspricht, darf hier kein zuhause haben. Wir bekennen da als Haus, ähnlich wie andere soziokulturelle Zentren, beispielsweise in Leer, Farbe und sind in unserer Rolle irgendwie auch dazu verpflichtet“, so Wenzel.
Die nächsten 50
Natürlich ist an dieser Stelle noch lange nicht Schluss in Wilhelmshaven. Neben der Modernisierung des Hauses und der Hoffnung, dass es doch irgendwann wieder eine Stadthalle für größere Events geben wird, sowie dem Wunsch, das Team zu vergrößern, spielt natürlich auch der Gedanke daran, wie man junge Menschen für Kultur begeistern kann, eine große Rolle. Früher war es durchaus üblich, dass sich junge Menschen auch mal ein Ticket für einen Künstler oder eine Künstlerin gekauft haben, die ihnen bis dato vielleicht nicht bekannt war. Dies sei heute äußerst selten geworden. Zudem gehöre laut Mirko Wenzel auch immer ein bisschen Risikobereitschaft beim Booking dazu. Das bedeutet, auch mal Gäste einzuladen, die den Club vielleicht nicht komplett füllen, obwohl sie durchaus das Potenzial dazu hätten. Wie könne man sonst die nächsten Die Ärzte o.ä. entdecken?
„Mir ist schon aufgefallen, dass unsere Veranstaltungen sich in der Vergangenheit sehr kommerzialisiert haben. Wir haben natürlich die Big Points, die uns Geld bringen - das ergibt sich oft so, da man die bestehenden Kontakte hat, aber wir haben uns schon vor Corona gesagt, dass wir wieder in die Bresche springen müssen und wieder mehr Nische anbieten sollten. Oder dass wir uns andere Formate für die Soziokultur überlegen und verstärkt mit Netzwerken arbeiten“, so Fröhlich. Auch gäbe es noch einige verbleibende Hürden aus den vergangenen Coronajahren zu überwinden. „In der Soziokultur gibt es den Begriff ‚Der dritte Ort‘ - also der, an den man zwischen Arbeit und Zuhause geht. Ein Ort, an den du gehen kannst, um anderen Menschen zu begegnen. Das kann auch ein Konzert oder eine Lesung sein oder auch ein Platz, wo du dich einfach mit deinem Laptop hinsetzen kannst“, ergänzt Heike Gorath. Doch auch an den Klassikern, die das Haus seit vielen Jahren ausmachen, soll festgehalten werden: der Kleinkunstpreis „Knurrhahn“ zum Beispiel, der seit 1986 vergeben wird und in der Szene als sehr renommiert gilt, aber im bundesweiten Mainstream gar nicht die Aufmerksamkeit bekomme, die er verdient - eine ähnliche Aufmerksamkeit wie für den Sailing Cup oder das Streetart Festival wäre sehr wünschenswert, um Wilhelmshaven weiter in den überregionalen Fokus zu rücken. Ideen, Wünsche und Idealvorstellungen gibt es viele und alle sind sich der immensen Arbeit, die das bedeutet, bewusst. Ist eben wirklich kein 9 to 5 Job!
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