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„Sandra Hüller besitzt einen natürlichen Bullshit-Detektor.“30.04.2026



Interview: Dieter Oßwald Foto: Rafael Proell

MoX: [font=Bembo]Herr Schleinzer, wie bekommt man einen Star, der mit Ryan Gosling spielt und Oscar-Kandidatin war, als kleiner österreichischer Regisseur für seinen Film?[/font][font=Bembo] [/font]
Schleinzer: Ich glaube, die Frage muss man anders formulieren: Wie kommt Ryan Gosling dazu, mit einem großen deutschen Superstar arbeiten zu dürfen? (Lacht) Sandra und ich standen schon gemeinsam bei „Sisi & Ich“ vor der Kamera. Da war schon klar, dass wir uns mögen. Wir haben beide großen Respekt voreinander und schätzen den Zugang zur Arbeit des jeweiligen Anderen. Letztendlich gefiel ihr dann das Drehbuch und die Art und Weise, wie ich dieses Thema verhandeln wollte. Ich bin wirklich froh, dass sie mir das zugesagt hat.
MoX: Es gab in der „Titanic“ ein Porträt über Sandra Hüller mit der Überschrift „Die Frau aus Holz“. Was wäre Ihre Überschrift, was macht die Qualität von Sandra Hüller aus?
Schleinzer: Die Qualität von Sandra Hüller besteht darin, dass sie eine ganz große Arbeiterin ist. Ich kenne kaum Personen, die so viel arbeiten wie Sandra. Und zwar vollkommen frei von Allüren oder Diven-Gehabe. Sandra besitzt einen natürlichen Bullshit-Detektor. Wenn sie zum Dreh kommt, ist es fast so, als ob sie den Arbeitsmantel anziehen würde. Sie ist da. Sie macht. Ohne viel Aufsehen. Sandra kann nicht spielen, was nicht logisch ist. Das finde ich fantastisch. Das macht die Ehrlichkeit ihrer Arbeit aus. Großartig an ihr ist, dass sie sich nie verbogen hat. Deswegen ist sie ein großes Vorbild für die Generation, die nun am Start ist. Wir sind beide Menschen, die nicht sehr leicht zu beeindrucken sind. Vor allem nicht von uns selbst.
MoX: Es gibt berühmte Vorbilder für Hosenrollen: Eva Mattes als Fassbinder in „Ein Mann wie E.V.A.“, Julie Andrews in „Viktor und Viktoria“ oder Cate Blanchett als Bob Dylan in „I’m Not There“. Sehen Sie „Rose“ in dieser Tradition von Hosenrollen oder ist sie ganz anders?
Schleinzer: „Rose“ steht in der Tradition der Hosenrollen. Aber der Film versucht, dieses Genre des Crossdressers weiter zu entwickeln. Für die Recherche habe ich alle verfügbaren Filme angesehen. Beim Mann im Kleid geht es meistens um karnevalesques Zeug, sehr betulich, sehr sexistisch. Bei der Frau in der Hose findet die Enttarnung über den nackten Körper statt. Spätestens in Minute drei muss irgendwie ein Busen gezeigt werden. Das lehne ich ab. „Rose“ erzählt die Geschichte einer Frau, die aus wirtschaftlichen Gründen sich als Mann ausgibt. Das muss ich nicht so erzählen, dass Frau Hüller heimlich in den Wald geht, um sich splitterfasernackt auszuziehen und sich in einem Bächlein zu waschen. Wir versuchen, ohne diesen sexistischen und voyeuristischen Kram auszukommen, den man bis dato in der Filmgeschichte gebraucht hat, um so eine Geschichte an das Publikum herzuführen.
MoX: In Zeiten gestiegener Transfeindlichkeit gibt es den Vorwurf an Sportler, die sich als Frauen ausgeben, um dadurch Vorteile zu erlangen. Wird das durch Rose nicht befeuert?
Schleinzer: Ich kenne einige Transsportlerinnen, die diesen Weg durchlaufen sind. Das ist kein sehr freudvoller Weg. Es ist sehr schmerzhaft als junger Mensch das Gefühl zu haben, du lebst nicht richtig, du bist im falschen Körper gefangen. Zu behaupten, dass dieser Weg gegangen wird, um sich Vorteile für eine sportliche Karriere zu holen, ist ziemlich dumm. Wer so denkt, sollte sich wirklich mit Betroffenen treffen, um zu erfahren, welche Schmerzen und Qualen durchlitten sind, um da zu landen, wo sie heute sind. Rose ist eine andere Geschichte. Sie ist ganz klar eine Frau, die erkennt, dass sie mit den Grenzen des eigenen Geschlechts nicht weiter kommt, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Sie ist keine Revolutionärin, keine Heldin und keine Rosa Luxemburg. Sie will einen Hof, sie will von dem eigenen Ertrag leben können. Und sie will in Ruhe gelassen werden.
MoX: Schärft der Blick in die Vergangenheit die Sicht auf die Gegenwart?
Schleinzer: Einen historischen Film zu diesem Thema zu machen, ist ein Trick, um das Publikum weiter aufs Eis hinaus zu locken. Es ist ja noch gar nicht so sehr lange her, dass Frauen bei uns ein Anrecht haben, einen eigenen Wohnungsschlüssel zu besitzen. Oder Arbeitsverträge unterschreiben dürfen, ohne Genehmigung des Ehemanns. „Rose“ ist ein historischer Film mit wunderschönen Bildern. Aber natürlich erzählt er uns in jeder Minute ganz viel über die Gegenwart und über eine kleine Utopie, wie ein Zusammenleben auf diesem Planeten möglich wäre.
MoX: Es fällt auf, dass Sexualität in „Rose“ keine Rolle spielt. Weshalb bleibt das Thema bewusst offen?
Schleinzer: Wie Figuren sexuell begehren, gehört den Figuren. Ich bin immer in Sorge, dass wenn man einem Publikum zu sehr konkret eine Geschichte anbietet, sie dann auch nur so gelesen und verstanden werden will. Dass man sagt, das ist jetzt ein Film über zwei lesbisch begehrende Frauen. Und dass man vielleicht nicht sagt, das ist ein Film über vielleicht zwei lesbisch begehrende Frauen, die trotzdem aber auch mehr Freiheit in der Gesellschaft leben wollen. Ich hatte kein großes Interesse, das auf ein sexuelles Begehren zu reduzieren.
MoX: Wie haben Sie die Geschichte recherchiert?
Schleinzer: Wir haben über 300 Frauenschicksale ausgegraben, die enttarnt wurden, weil sie in die Männerrolle gestiegen sind. Es gab Fälle in England von hochrangigen Offizieren, wo erst bei der Leichenwäsche das wahre Geburtsgeschlecht erkannt wurde. Es gibt ganz unterschiedliche Gründe für diese Tarnung als Mann. Die Frauen konnten so Zwangsverheiratungen entgehen, bessere Arbeit finden oder dem Ehemann in den Krieg zu folgen, was nur als Soldat möglich war. Diese unterschiedlichen Motivationen haben aber immer ein Ziel gehabt, eine größere Freiheit zu leben. Der Moment, wo etwas selbstverständlich ist, das ist die Freiheit.
MoX: Sie lassen eine Zeit der Vergangenheit filmisch auferstehen. Ihr Landsmann Michael Haneke berichtete von Schwierigkeiten der authentischen Inszenierung bei „Das weiße Band“. Wie groß war Ihr Aufwand mit stimmiger Ausstattung und Kulissen?
Schleinzer: Stressig war das für mich überhaupt nicht, das ist eine Arbeit, die ich liebe. Wir haben wahnsinnig viel recherchiert, ich bin herumgefahren in diversen Museen, habe mir Sachen zeigen lassen, Gemälde fotografiert, wir haben ganz viel nachgebildet, was wir entweder in Museen vorgefunden haben oder auf Gemälden abgebildet gesehen haben. Das war eine reine Freude. Es gehört zum Großartigen an meinem Beruf, das Sinnliche auf die Leinwand zu bringen.
MoX: Ihre drei Filme „Michael“, „Angelo“ und „Rose“ sind eher sperrige Stoffe. Wäre es nicht Zeit für ein Feel-Good-Movie, wo alles unbeschwert zugeht?

Schleinzer: Als „Bad Movies“ möchte ich meine Filme nicht verstehen. Für mich sind das Geschichten, die zum Denken verleiten und das ist ja nicht zwingend das Schlechteste. Aber der nächste Film wird auf jeden Fall heller und bunter werden, mit sehr viel mehr Musik und Gesang. Ich plane ein Biopic über Klaus Nomi und freue mich sehr, dass Christian Friedl sich dafür begeistert hat.

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