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Gute Laune ungerecht verteilt20.03.2024



Text und Foto: Thea Drexhage

Zu diesem Zeitpunkt war die Stellung von Kettcar in der Indieszene bereits sehr gefestigt. Vier erfolgreiche Alben haben sie in 10 Jahren veröffentlicht und ganz nebenher waren die Bandmitglieder Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff gemeinsam mit Musikerkollege Thees Uhlmann noch mit der Gründung des wohl bekanntesten deutschen Indielabels „Grand Hotel Van Cleef’ beschäftigt, welches mittlerweile mehr als 35 nationale und internationale Musiker*innen vertritt. Immer auf das gleiche Steckenpferd zu setzen oder sich gar auf den erreichten Lorbeeren auszuruhen, ist für Kettcar jedoch keine Option. Mit der Veröffentlichung von „Ich vs. Wir“ hat sich die Wahrnehmung der Band noch einmal drastisch verändert. Plötzlich schrieb Marcus Wiebusch nicht mehr nur diese traurigen Lieder über das Leben, die Liebe und den Alltag, sondern wurde lauter und wütender, so, wie man es ein bisschen von seiner vorangegangenen Band „...but Alive“ oder auch von seinem Soloprojekt kennt. „Sommer ‚89“ der erste Bote des Albums ein Lied über Flucht, über Hilfe, über Menschlichkeit. Der richtige Song zur richtigen Zeit – die „Flüchtlingskrise“ noch immer anhaltend. Es folgten unzählige Touren in großen Hallen, bis es Anfang 2020 hieß: „Wir machen dann mal wieder eine Pause.“ - gutes Timing, stand doch kurze Zeit später sowieso alles still. Allerdings gingen Kettcar mit dem Versprechen von der Bühne, dann zurükkzukehren, wenn die Band wieder etwas Neues zu erzählen hätte. Neues Material, das an das gefeierte „Ich vs. Wir“ anknüpfen könnte, um nicht eine dieser Bands zu werden, die auf der Bühne ständig nur noch die alten Hits zelebrieren – ein ambitioniertes Vorhaben. Anfang 2024 war es dann so weit und als hätten die fünf Hamburger es geahnt, veröffentlichen sie mit „München“ wieder einmal den richtigen Song zur richtigen Zeit. Nahezu zeitgleich mit den Correctiv-Recherchen über geheime Neonazitreffen und dort geschmiedeten Abschiebepläne, legen Kettcar mit ihrem ersten Lebenszeichen den Finger direkt in die offene Wunde. Während die Empörung in der Bevölkerung als Reaktion auf besagtes Treffen sichtbar stieg, zeigen Sänger Marcus Wiebusch und Bassist Reimer Bustorff, der „München“ geschrieben hat, dass das aktuelle Geschehen eigentlich keine große Überraschung sein dürfte, war (Alltags-)Rassismus doch schon immer ein Problem. Der Song handelt von Bustorffs Kindheitsfreund Yachi, geboren und aufgewachsen in München-Harlaching, der sich trotz deutschem Pass immer mit der Frage konfrontiert sah: „Wo bist du eigentlich hergekommen?“.
Auch die zweite Single des, am 5.April 2024 erscheinenden, Albums „Gute Laune ungerecht verteilt“ befasst sich mit einem ernsten Thema – der utopischen Vorstellung, dass Pfleger*innen oder Paketbot*innen doch einmal an die Macht kommen könnten, um der Klassenungleichheit einen Riegel vorzuschieben. „All die Türen stehen dir offen/ Sie sind nur alle sehr weit weg/ Das kannst du gern ganz anders hoffen/ Es hat nur keinen Zweck/ Die ganzen Karten mies gemischt/ Jeder Anspruch regt sie auf/ Denn jeder Schmied hat immer Glück/ Jaja, dann danke Lebenslauf“, heißt es darin. Nicht so post-punkig wie „München“, sondern deutlich ruhiger, in gewohnt melancholischer Kettcar-Manier kommt die Nummer daher. Doch eine Sache haben beide Songs gemein: das unheimliche Talent eines Marcus Wiebusch - und nun scheinbar auch eines Reimer Bustorffs - bildhafte Songs zu schreiben, die binnen nur weniger Minuten so klare Bilder zeichnen, dass sie Kurzgeschichten gleichkommen. Mit einer Leichtigkeit, nah am Alltagsgeschehen gelingt es den Hamburgern, auf wichtige Missstände hinzuweisen, ganz ohne Parolen und Totschlagargumenten, wie man es in der aktuell alternativen deutschsprachigen Musikszene nur selten findet. Die restlichen Songtitel von „Gute Laune ungerecht verteilt“ lassen auf vieles hoffen, einerseits, auf den trockenen Hamburger Humor, andererseits auf zehn weitere, ergreifende Geschichten aus den Federn von Wiebusch und Bustorff. Während ihrer Pause seit 2020 ist wahrlich viel passiert, was zu neuen großen Stücken inspiriert haben dürfte.



Kettcar live erleben am 14.4.2024 im Pier 2 in Bremen oder am 15.8. im Park der Gärten in Bad Zwischenahn.

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