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Weltstädtische Grandezza an Berlins Prachtboulevard Ku´damm19.12.2023





Text und Foto: Horst E. Wegener


In schönster Ku´dammlage wuchs uns seinerzeit die im Haus Cumberland residierende Oberfinanzdirektion ans Herz: Der öffentlich zugänglichen Kantine mit ihren abwechslungsreichen, preiswerten Mittagstischgerichten wegen –  unweit der vielen Uraufführungs- und Programmkinos gelegen, zu deren Vormittags-Pressevorführungen wir uns gern halblegal Zutritt verschafften. Am Haus Cumberland faszinierte uns cineastisch affinen Möchtegern-Bonvivants aber vor allem diese nach wie vor zu erahnende weltstädtische Atmosphäre im Inneren des altehrwürdigen Prachtbaus, jene marmorverkleideten oder holzgetäfelten Wände in der Eingangshalle, die wuchtigen Säulen und stuckverzierten acht Meter hohen Decken sowie der zur Kantine gehörende Innenhofbereich, dessen Tische und Stühle bei schönem Wetter bevorzugt Interessenten fanden.
Für ein Referat bei den Theaterwissenschaftlern ergründete ich dann zusammen mit ein paar FU-Kommilitonen ein paar Jahre drauf die Historie des Hauses Cumberland. Und wir waren zutiefst erstaunt, im Rahmen unserer Recherche feststellen zu können, dass auf diesem einst riesigen Areal zwischen Ku´damm und Lietzenburger Straße ursprünglich ein Opernhaus errichtet werden sollte. Die Idee dazu ging auf einen zu seiner Zeit sehr umtriebigen Bankier und Bauunternehmer namens Fedor Berg zurück, der sich anno 1910 ein bis dahin als Zirkusplatz genutztes  65 Meter breites und 165 Meter tiefes Grundstück am Prachtboulevard Kurfürstendamm kaufte. Alsdann gründete Berg mit anderen Kaufleuten die Große Oper Aktiengesellschaft – geplant war ein Theater mit drei Rängen und Platz für bis zu 2700 Besuchern. Zur Einordnung: Die weltweit bekannte Pariser Oper bot damals gerade Platz für 2150 Zuschauer.
Doch man hatte nicht mit der Reaktion des Berliner Polizeipräsidenten gerechnet, dem die Dimension des Vorhabens zu groß erschien, weil er vorm Entrée allabendliche Kutschen-Staus, Lärm und sich beklagende Anwohner befürchtete. Da sich der Bedenkenträger nicht umstimmen ließ, musste Bergs Architekt Robert Leibnitz wohl oder übel umplanen. Er, der kurz zuvor federführend das Hotel Adlon am Prachtboulevard Unter den Linden konzipiert hatte, sollte im Auftrag seines Geldgebers nun im spreeathener Neuen Westen einen völlig neuen Hoteltypus nach amerikanischem Vorbild errichten. Die Vision sah vor, betuchten internationalen Gästen den längeren Aufenthalt in der Hauptstadt des deutschen Kaiserreichs mit luxuriös eingerichteten 600 Apartments schmackhaft zu machen, an die angeschlossen vom Grillroom über eine American-Bar, ein Wellness-Bad hin zu einer Ladenpassage mit achtzehn Geschäften nebst drei begrünten Innenhöfen an wirklich alles gedacht worden war. Zur Beruhigung der deutschnationalen Eliten schlug man Berg zuguterletzt den 3. Herzog von Cumberland, Ernst August, als Namensgeber für den Boarding-Palast vor.
Gleichwohl konnte selbst dieser Kniefall vorm Zeitgeist die Auslastung der Giga-Anlage nicht verbessern. Im September 1913 vermeldete die Berliner Presse die Zwangsversteigerung des Hotels Cumberland. Für knapp sieben Millionen Reichsmark wechselte das Haus den Besitzer. Aber auch die neuen Eigentümer bekamen die hypermodernen, zentralbeheizten Apartments mit bis zu acht Zimmern nicht vermietet. Ab 1917 wurde der riesige Gebäudekomplex von Behörden genutzt, zunächst vom Waffen- und Munitionsbeschaffungsamt, nach Kriegsende dann unter anderem von der Reichsstelle für Zement, der Oberpostdirektion und dem Statistischen Reichsamt.
Ein Restaurant im Haus wurde zum Kinosaal und Theater, in dem unter anderem Karl Valentin mit dem Kabarett der Komiker auftrat. Während der Zeit des Nationalsozialismus arbeiteten im Haus Cumberland verschiedene Finanzbehörden, darunter die „Vermögensverwaltungsstelle“, die sich aktiv an der Enteignung und Ausplünderung jüdischer Bürger beteiligte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs residierten weiterhin Finanzbeamte im Cumberland, erst jene vom Landesfinanzamt, ab 1960 dann von der Oberfinanzdirektion Berlin. In der Zeit des  Mauerfalls kamen erneut Ideen auf, das seit 1989 unter Denkmalschutz stehende Haus Cumberland wieder in ein Grandhotel zu verwandeln. Vom „Adlon des Westens“ war da die Rede und von einem „Investorenwettlauf um den prächtigsten Bau am Ku´damm“.
Der Verkauf an die Fundus-Gruppe war bereits beschlossen, doch der Hotelbetreiber Kempinski sprang in letzter Minute ab. Stattdessen folgten ab 2003 Leerstand und Verfall - bis sich glücklicherweise der frühere Rennfahrer und Bugatti-Chef Dr. Thomas Bscher mit den Projektentwicklern Detlef Maruhn und Dirk Germandi zusammentat, um die verrammelte Immobilie wieder auf Vordermann zu bringen. Für 30 Millionen Euro wurden die Drei ab Juli 2010 Besitzer des Gebäudekomplexes, investierte man ein Vielfaches in die Sanierung und den Umbau des denkmalgeschützten Hauses. Das Konzept des Trios: eine Kombination aus exklusiven Eigentumswohnungen im hinteren sowie repräsentativen Geschäften und Büros im vorderen Teil des mehr als 10000 Quadratmeter großen Areals.
Obwohl die knapp 200 Wohnungen und Lofts im Nu ihre Käufer fanden, Geschäfte und Büros ähnlich schnell vermietet werden konnten, blieben auch Bscher und Co über die nächsten paar Jahre unvorhersehbare Achterbahnfahrtmomente  nicht erspart – egal, ob das Modekaufhaus des Bread&Butter-Gründers Karl-Heiz Müller wieder schließen musste oder Promi-Gastronom Roland Mary, Inhaber des In-Restaurants Borchardt in Mitte, mit seiner Cafehaus Grosz-Idee scheiterte. Wo aber andere Investoren spätestens in der Corona-Zeit die Segel strichen, nahm Cumberland-Strippenzieher Bscher gegebenenfalls immer richtig viel Geld in die Hand. Im August 2022 eröffnete das Ristorante Cumberland – bewirtet von Mika Rahimkhan, Bruder des Promi-Friseurs Shan Rahimkhan. Allein neun Spitzenköche, vertraut mit den unterschiedlichsten Regionen Italiens, folgten Rahimkhans Ruf an den Ku´damm, darunter Küchenchef Roberto Sannino, der zuletzt die Küche des Charlottenburger Edel-Italieners Il Calice verantwortet hatte; im 32-köpfigen, ungemein engagierten Team arbeiten seither auch Mika Rahimkhans Frau und Tochter mit.
Obendrein ließ sich´s der Patrone nicht nehmen, im Vorfeld der Ristorante Cumberland-Eröffnung Toprestaurants europaweit anzuschauen, darunter das Cipriani in Venedig, das Dal Bolognese in Rom oder das Da Giacomo in Mailand – „sie alle eint einfache Küche auf höchstem Niveau“, lautete die Erkenntnis Rahimkhans, die ihm die Philosophie fürs Cumberland lieferte. Vorne das Caffè, zudem ein toller Lunch-Spot bei wärmeren Temperaturen mit Tischchen vorm Eingangsbereich auf dem Ku´damm, wo man den Passanten beim Flanieren hinterherschauen könnte, hinterm Foyer die Bar mit vielen Signature-Drinks und dem Flügel, und sich daran anschließend der Gastraum sowie im Sommer der Innenhof fürs Casual-Fine-Dining – die himmlischen Verführungen aus der hauseigenen Bäckerei und Patisserie ergänzen die Restaurantkarte.
Wäre da noch das Ambiente. Atemberaubend, klassisch, zeitgeistig, italienischer Bohème-Charme  - üppige Kristalllüster, prächtige Stuckaturen, hinter der Bar lugt ein Kamin hervor -  und im ausgedienten Padernoster steht der Champagner kühl. Alles an den Räumlichkeiten des denkmalgeschützen Cumberlands verströmt Grandezza. Wer auf der Suche nach Weltstadtniveau in Deutschlands Kapitale ist, am Kurfürstendamm 194 wird man fündig.

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