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Zum Sterben schön15.07.2021



„Bitte beachten Sie, dass die Fußwege sehr lang sein können“, lautet der Hinweis, den die Friedhofsverwaltung auf einer Tafel im Eingangsbereich angebracht hat. Die Mahnung macht Sinn. Der Ohlsdorfer Friedhof, der vom Hamburger Hauptbahnhof bequem mit der S-Bahn zu erreichen ist, ist mit einer Fläche von knapp 400 Hektar der größte Parkfriedhof der Welt, das Areal ist sogar größer als der New Yorker Central Park. Zwei Buslinien der Hamburger Verkehrsbetriebe verkehren zwischen den mehr als 20 Haltestellen. Laut Friedhofsverwaltung gibt es auf dem weitläufigen Gelände rund 2800 Sitzbänke – Platz zum Ausruhen ist also reichlich vorhanden. Wer sich die Anlage mit ihren Rundwegen, Baumreihen, Teichen, Skulpturen- und Gedenkgärten erlaufen möchte, sollte Pausen einplanen. An einem Tag ist es dennoch kaum zu schaffen, zumindest dann nicht, wenn man sich ausreichend Zeit für das kunsthistorisch und geschichtlich spannende Areal nehmen möchte. Der Ohlsdorfer Friedhof ist ein Ort zum Schauen und zum Verweilen. Er ruft zur Besinnung auf und feiert doch das Leben.


Zwei Millionen Gäste


Allein die Zahlen sind beeindruckend: Es gibt 265.000 Gräber, 36.000 Bäume, 800 Skulpturen, 19 Mausoleen, 15 Teiche und 12 Kapellen, das Straßennetz umfasst 17 Kilometer. Seit der Gründung des Friedhofs 1877 hat es hier mehr als 1,4 Millionen Beisetzungen gegeben. Rund zwei Millionen Besucherinnen und Besucher kommen jährlich nach Ohlsdorf, das entspricht der Zahl jener, die den berühmten Friedhof Père Lachaise in Paris aufsuchen. Ähnlich wie zur Gründung der Nekropole in der Seine-Stadt war auch in Hamburg Platznot der Grund für das Anlegen der Totenstadt. Denn um 1850 hatte Hamburg ein Problem: Die Friedhöfe waren zu klein geworden. Die Quartiere wuchsen stetig, immer mehr Menschen drängten in die Stadt – und auch die Zahl der Verstorbenen stieg. So erhielt der Architekt Wilhelm Cordes von der Stadtverwaltung den Auftrag, im Stadtteil Ohlsdorf, der vor allem aus Wiesen- und Ackerland bestand, einen Friedhof anzulegen. Cordes konzipierte die Begräbnisstätte von vornherein als Park, die Natur, so glaubte er, könne den Menschen helfen, besser mit ihrer Trauer zurecht zu kommen. Zugleich sollte das Areal allen Hamburgern zur Verfügung stehen, denn eine öffentliche Grünanlage gab es bis dahin nicht in der Hansestadt. Der Stadtpark wurde erst 1914 eröffnet. 1877 wurde der Friedhof in Ohlsdorf eingeweiht, in den folgenden Jahrzehnten erweiterte Cordes die Anlage stetig, sie wurde zu seinem Lebenswerk. Mehrere Jahre lang war Ohlsdorf die einzige Begräbnisstätte in Hamburg.
Wilhelm Cordes mochte verschlungene Wegeführungen, romantische Nischen und geschwungene Wasserläufe. Sein Nachfolger Otto Linne, der nach Cordes‘ Tod die Regie übernahm, setzte hingegen auf geometrische Formen. Er legte Wege an, die an Schachbrettmuster erinnern, auch die Grabmale wurden reglementiert, Form, Schrift und Ornamente sollten geordnet sein. Diese Kontraste sind durchaus reizvoll. Auf dem Friedhof in Ohlsdorf existieren Jugendstil und Neue Sachlichkeit gut sichtbar nebeneinander. Dazwischen ist über die Jahrzehnte eine vielfältige Bestattungskultur entstanden. Das anonyme Urnengrab befindet sich neben dem prunkvollen Mausoleum, die ausladende Engelskulptur steht neben schlichten Kreuzen aus Holz.


Ruhestätte für Seeleute


Wer über den Ohlsdorfer Friedhof spaziert, durchwandert 150 Jahre Hamburger Stadtgeschichte. Zugleich erinnern Mahnmale an die Zäsuren der jüngeren Vergangenheit. Es gibt Gräberfelder für die Gefallenen der beiden Weltkriege und Gedenkorte für die Ermordeten der Shoa. In einem Sammelgrab an der Mittelallee liegen die 36.918 Frauen, Männer und Kinder, die 1943 Opfer des Hamburger Feuersturms wurden.
Genau 16 Meter hoch ist eine Stele an der Talstraße. Sie enthält 105 Urnen mit der Asche der in den Konzentrationslagern Getöteten. Die Sturmflutopfer von 1962, die nicht identifiziert werden konnten, und jene, die keine Angehörigen mehr hatten, haben ihre Ruhestätte zwischen der Kirschenallee und dem Inselkanal gefunden. Eine Stätte mit den Gräbern russischer Kriegsgefangener findet sich unweit der Kapelle 9, daneben liegen die Gräber russischer Zwangsarbeiterinnen. Für die in Hamburger Krankenhäusern verstorbenen Seeleute gibt es ebenfalls eine Gemeinschaftsgrabstätte, sie befindet sich im Bereich der südwestlichen Kapelle.
Gleich hinter dem Haupteingang erstreckt sich ein Barockgarten, dessen Treppenanlage von einer weithin sichtbaren Christusfigur gekrönt wird. Hier ruhen Hamburger Persönlichkeiten, darunter der Mime, Regisseur und Intendant Gustaf Gründgens und die Schauspielerin Ida Ehre.
Schön ist es, den Stillen Weg zu gehen, einen Fußweg, der an der „Dichterecke“ seinen Anfang nimmt. Hier wurden prominente Literatinnen und Literaten beerdigt, zum Beispiel Wolfgang Borchert, der im Heimkehrer-Drama „Draußen vor der Tür“ seine Kriegserlebnisse verarbeitete und damit Literaturgeschichte schrieb. Borchert starb mit nur 26 Jahren an den Folgen seiner NS-Haft.




Inge Meysel und Jan Fedder


Hilfreich für die Orientierung sind die kostenlosen Broschüren mit Lageplänen und Erläuterungen zu den einzelnen Gräberfeldern, die es im Informationshaus gibt. Auch aus dem Internet kann man sich die Flyer herunterladen. Die übersichtlich gestalteten und gut getexteten Wegweiser schlagen z.B. Spaziergänge vor, die zu den Gräbern von Prominenten führen, etwa zu Inge Meysel und Hans Albers. Zudem gibt es eine Navigations-App, die aber kostenpflichtig ist. Ex-Kanzler Helmut Schmidt und seine Frau Loki liegen übrigens in der Nähe von Kapelle 10, der in Hamburg hochverehrte Schauspieler Jan Fedder unweit der Kapelle 2.
Zu den vielen Führungen, die angeboten werden, zählt auch eine des Nabu. Der Naturschutzbund bittet aber nicht zum Rendezvous mit den Toten, er bietet „Bird Watching“ an, denn der Friedhof in Ohlsdorf ist zugleich ein Refugium für Flora und Fauna. Zahlreiche Vogelarten fühlen sich hier heimisch, an den Teichen sind Reiher zu sehen.
Trotz aller Park-Romantik bleibt die Anlage in Ohlsdorf aber in erster Linie ein Friedhof. Zelten, so ist auf Schildern am Eingang zu lesen, ist hier ebenso verboten wie Inline-Skaten und Angeln.
Eine Einstiegsorientierung für den Besuch bietet die Online-Seite www.friedhof-hamburg.de.

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