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Wochenzeitung DIABOLO:
Cycloman
Den Preis der LiteraTour Nord erhält dieses Jahr Joachim Zelter28.02.2019

text  |  Horst E. Wegener

Wie überaus erholsam könnten uns doch im Rückblick jene Zeiten vorkommen, in denen man das Fahrradfahren eher als Möglichkeit begriff, sich in der Freizeit bei Sonnenschein zu einem Ausflug ins Umland aufzuraffen. Natürlich fanden auch damals schon andernorts höllisch schweißtreibende Radmarathons wie die Tour de France statt, die der französische Philosoph Roland Barthes treffend als „homerisches Epos“ empfand, das überlebensgroße dramatische Konflikte auslotet.

Auch Autor Joachim Zelter darf fahrradverrückt genannt werden. Der 1962 in Freiburg im Breisgau geborene und seit längerem in Tübingen wohnhafte Schriftsteller nennt derzeit fünf Drahtesel sein Eigen – und wann immer es ihn überkommt, bricht er kurzentschlossen zu einer Radtour vom Wohn- zum Geburtsort auf. Wenig verwunderlich also, dass sich sein aktueller Roman „Im Feld“ als ein 160-Seiter über die Obsession des Radfahrens beschreiben lässt. Gleichwohl und als habe ihm Barthes Tour de France-These einen roten Faden beim Konzipieren des Romans geliefert, geht es dem cyclomanen Schriftsteller in erster Linie darum, die Gesellschaft in den Mittelpunkt zu rücken. Und so handelt „Im Feld“ letztlich von uns: von Anpassung und Bereitwilligkeit, von Leistungsdruck und subtiler Tempoverschärfung, von der Unfähigkeit, auch nur eine Pedalumdrehung auszulassen.
Auf bestem Wege dahin befindet sich Zelters „Im Feld“-Alter ego und Ich-Erzähler Frank Staiger: Den karrieretechnisch verunglückten Ex-Dozenten hat es mitsamt Freundin Susan von Göttingen nach Freiburg verschlagen. Typisch für ihn, dass er noch ehe es in der neuen Wohnung halbwegs behaglich aussieht, sein neues Rennrad herrichtet, um damit die Gegend zu erkunden. In der Zeitung ist ihm die Anzeige eines Rennradtreffs des örtlichen Vereins aufgefallen: 10 Uhr am Heidegger-Denkmal an Christi Himmelfahrt; Nichtmitglieder willkommen! Was nach einer harmlosen Jedermann-Tour klingt, artet im Nu zum Höllentrip aus – erst recht, nachdem ein früherer Rennradler namens Landauer das Kommando über die Truppe an sich reißt.
Wer bei Joachim Zelters „Im Feld“-Lesung im vergangenen Dezember in Oldenburg anwesend war, dem dürfte sich dessen mitreißende Art des Vortrags eingeprägt haben. Die wenigsten deutschen Autoren sollen ihre Texte ähnlich begnadet wie dieser Meister der (Selbst-)Ironie leben und lesen, dessen Werken seit jenem 1998 veröffentlichten Debütroman „Briefe aus Amerika“ stets ein angenehm satirischer Unterton zu eigen ist. Bevor er sich zur Schriftstellerei und damit einhergehend zum Hörspiel- und Bühnenautor berufen fühlte, arbeitete der passionierte Radfahrer von 1990 bis ‘97 als Dozent für englische und deutsche Literatur an den Universitäten Tübingen und Yale. Sein literarisches Werk wurde vielfach ausgezeichnet; jetzt kommt der Preis der LiteraTour Nord hinzu. Die Verleihung findet am 26. März in den Räumlichkeiten der VGH-Stiftung in Hannover statt, die diesen Preis seit 1993 auslobt und ihn mit 15 000 Euro ausstattet.

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