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Wochenzeitung DIABOLO:
$ick
Vom Vollzeit-Junkie zum Youtube-Star und Bestsellerautor11.10.2018

<i>Wochenzeitung DIABOLO:</i><br />$ick<br />Vom Vollzeit-Junkie zum Youtube-Star und Bestsellerautor

text  |  Horst E. Wegener

Mit der nachdenklich geäußerten Bemerkung „Was soll ich sagen?“ eröffnete der Ex-Drogenabhängige und -dealer mit dem Künstlernamen $ick am 12.12.2012 die erste Folge des Video-Blogs „Shore, Stein, Papier“. Als er 380 Folgen und fast drei Jahre später aufhörte, von seinen Gossen-, Unterwelt- und Knasterlebnissen zu berichten, hatte ihn seine Youtube-Serie längst zur Netz-Berühmtheit geadelt.

Einzelne Folgen verzeichneten jeweils einige Millionen Klicks, das Online-Format war mit einem Grimme-Preis ausgezeichnet worden, und der Piper-Verlag hatte sich die Buchrechte gesichert. Man könnte sich nun im Vorfeld von $icks anstehender Lesung in der Oldenburger Kulturetage fragen, weshalb uns dessen um Videosequenzen ergänzte Live-Show interessieren sollte: Vielleicht weil ein Weg aufgezeichnet wird, wie jemand der Drogenhölle entrinnen kann.
Die Lowlife-Karriere des damals Zwölfjährigen beginnt in Hannover Mitte der 1980er Jahre: Neu in der Stadt stempeln ihn die Mitschüler zum Außenseiter, fällt $ick zuhause dem Stiefvater lästig. Dazugehören darf das Bürschlein dann aber bei einer Clique von Halbstarken, die auf dem nahen Spielplatz herumlungern. Als irgendwann Heroin ins Spiel kommt, fühlt sich der mittlerweile Fünfzehnjährige geborgen wie nie zuvor. Ein Zustand, den es unbedingt aufrechtzuerhalten gilt – koste es, was es wolle. Das Leben eines Abhängigen ist sündteuer – erst sind es Diebstähle und Einbrüche in Boutiquen, später das Dealen, womit Heroin, Kokain und viele weitere Substanzen, von denen $ick ums Verrecken nicht mehr loskommt, bezahlt werden. Im Videotagebuch „Shore, Stein, Papier“ rekapituliert der Rekonvaleszent diesen Höllentrip als würde er einem Kumpel davon erzählen – am Küchentisch sitzend, Kaffeepott, Zigaretten und Joints zur Hand; die Sprache ist direkt, authentisch, nichts beschönigend. $ick erinnert sich an seinen 18. Geburtstag, den er mit Pennern im Bahnhofsklo verbrachte, er berichtet von seinen zahllosen Einbrüchen, und davon, dass er mit anderen Häftlingen den Kaffee der Gefängniswärter mit LSD versetzen mochte.
Die wundersame Wendung ereignete sich erst, als nach einer verbüßten Haftstrafe wegen Drogenhandel 2003 die Tochter des Ex-Knackis auf die Welt kam: Endlich greifen die Worte eines Therapeuten, setzt ein modernes Erlösungsmärchen ein. Irgendwann ist $ick soweit, seine Erlebnisse in die Kamera zu sprechen. Die Videoserie bekennt der Erzähler in seinem nachgeschobenen Buchbestseller „war eine Therapie, die mich während der Dreharbeiten zwar in eine Depression geführt hat, während der ich aber zum ersten Mal meine Gefühle zulassen konnte und sie nicht mit Shore abtötete“. Shore, Stein, Papier – das sind straßengängige Bezeichnungen für Heroin, Kokain und Geld, weiß der mit Sicks Lowlife vertraute Youtube-Gucker und Bücherfan. 2015 gewinnt die Netzserie den Publikumspreis des Grimme-Instituts.
Nachdem sich der Piper-Verlag die Buchrechte gesichert hatte, setzte man $ick zunächst mit einem Ghostwriter zusammen. Doch dessen Jargon klang einfach zu künstlich. Irgendwann war klar, dass der Ex-Knacki, der nie einen Schulabschluss gemacht hat, das Schreiben eigenhändig beginnen müsste. „Ein gutes Stück Arbeit“ sei das gewesen, erinnert sich der 45-Jährige rückblickend. Abgesehen von Heinz Sobotas „Der Minus-Mann“, das er in der Jugendanstalt Hameln gelesen hat, habe er seit 1992 kein Buch mehr in die Hand genommen. Dennoch staunt der Leser, wie eloquent $ick den White-Trash-Sound aufs Papier bringt, fühlt man sich mitunter an Henri Charrières „Papillon“ erinnert. Neben der Lesereise mit „Shore, Stein, Papier“ geht der Rekonvaleszent in Schulklassen und erzählt von seinem Leben mit der Sucht. Vom Junkie und Knacki zum Aufklärer – was für ein Lebensweg! Wir drücken die Daumen, dass es $ick fürderhin gelingen mag, sauber zu bleiben.

$ick
Mo. 15.10., 20 Uhr, Kulturetage, OL

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