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Filme im Kino
MoX Kino-Tipps KW0817.02.2026
Texte: Horst E. Wegener
Marty Supreme
USA ´25; R: Josh Safdie. Ab 26.2. Wertung: ***** Bild: Entertainment Film Distrbutors
New York anno 1952: Während sich Quasselstrippe Marty Mauser (Chalamet) tagsüber im kleinen Schuhladen seines Onkels Murray als Verkaufskanone erweist, blüht der jungenhafte Schlaks mit Intellektuellenbrille, Schnurrbärtchen à la Hollywoodstar und Schlag beim weiblichen Geschlecht außerhalb dieser Ladengespräche erst so richtig auf. Dann nämlich vergnügt sich der Möchtegern-Zocker nicht nur mit seiner anderweitig unglücklich verheirateten Jugendliebe Rachel Mitzler (A´zion), die irrigerweise auf eine Zukunft an der Seite des Charmeurs glaubt, sondern es zieht ihn mit Kumpel Wally (Okonma) in die Spielhöllen der Großstadt, um seine Fähigkeiten im Tischtennis auszuspielen und auf ordentlich cash zu hoffen. Um seinen großen Traum vom WM-Titelgewinn in Tokio via Qualifikationsturnier in London wahr zu machen, ist Marty jedes Mittel recht: Per Zugriff auf den Tresor des Onkels kommt genügend Geld fürs Flugticket übern Atlantik zusammen – und in London ist dann sogar noch ein Zimmer im Nobelhotel Ritz drin. Von dort aus findet der Dampfplauderer via US-Team seinen Weg ins Turnier, bahnt er sich obendrein einen Weg ins Bett des ebenfalls im Hotel nächtigenden Filmstars Kay Stone (Paltrow). Die einstige Hollywood-Diva ist von ihrer mittlerweile einzigen Langzeit-Hauptrolle als Gattin des millionenschweren Unternehmers Milton Rockwell (O´Leary) desillusioniert – und lässt sich ganz gern auf ein Techtelmechtel mit dem wesentlich jüngeren Großmaul ein.
Dass er im Londoner Wettkampffinale dem japanischen Tischtennis-Profi Koto Endo (Kawaguchi) desaströs unterliegt, wirft Marty mitnichten aus der Bahn. Er will Revanche und den WM-Sieg in Tokio, koste es was es wolle. Zurück in New York überlegt der Abenteurer deshalb sogar ins Angebot des schwerreichen Ehemanns (O´Leary) seiner jetzt am Broadway debütierenden Londoner Techtelmechtel-Schönen einzuwilligen: Kays Mann würde mehrere Showkämpfe zwischen Marty und Endo finanzieren, hat allerdings die schier unannehmbare Bedingung, dass der Japaner weiterhin siegen soll. Das Leben des realen New Yorker Tischtennis-Enfant terribles Marty Reisman inspirierte den hier erstmals ohne Bruder Benny Regie führenden Independent-Filmer Josh Safdie zu einer stark veränderten Version des von Timothée Chalamet gespielten Möchtegern-Tischtennis-Champ. Beeindruckend bis in die Nebenrollen besetzt, überzeugt „Marty Supreme“ als Cocktail aus furiosem screwball-Albtraum und obsessiv-amüsanter Charakterstudie eines Soziopathen, den es genauso wenig stört, dass seine Jugendliebe Rachel von ihm irgendwann ungewollt schwanger dasteht, wie es ihm absolut schnurz ist, wer alles bei seinen waghalsigen Manövern unter die Räder kommt. Zurecht mehrfach Oscar-verdächtig.
D: Timothée Chalamet, Gwyneth Paltrow, Odessa A´zion, Kevin O´Leary, Tyler Okonma, Abel Ferrara, Larry Sloman, Koto Kawaguchi, Fran Drescher, Ralph Colucci.
Dust Bunny
USA ´25; R: Bryan Fuller. Ab 19.2. Wertung: **** Bild: Roadside Attractions
In einem in die Jahre gekommenen New Yorker Wohnkomplex nahe China Town ist der mürrische Bewohner des Apartments 5B (Mikkelsen) überrascht, als die Göre (Sloan) aus der benachbarten Wohnung ihn eines Tages bittet, er solle das Monster unter ihrem Kinderbett töten. Nun ist sich die kleine Aurora sicher, dass der Nachbar dieser Aufgabe gewachsen sein dürfte: Immerhin hat sie ihn schon dabei beobachtet, wie er neulich nachts einen Drachen ins Jenseits befördern mochte. Dass es sich in Wahrheit um Gangmitglieder handelte, die sich in China Town unter einem Drachenkostüm versteckt hatten, als sie vom Auftragskiller, der 5B eigentlich ist, gekillt wurden, ahnt das Kind nicht. Andererseits ist Auroras Bitte insoweit nachvollziehbar, da sie mittlerweile ohne ihre Eltern im Wohnkomplex dasteht – und felsenfest daran glaubt, dass ihre Erziehungsberechtigten Opfer der bestialischen Kreatur unter ihrem Bett wurden. Nun ist 5B zwar niemand, der sich mit Hirngespinsten abgibt, dem es jedoch logisch erscheint, dass man da ein Killerkommando eigentlich auf ihn angesetzt habe, das sich fatalerweise in der Wohnungsnummer geirrt hätte. Pflichtbewusst spielt er fortan den Ersatz-Daddy für Aurora, der wiederholt zur Waffe greifen muss, um mysteriöse Angreifer bezwingen zu können. Je surrealer die Attacken ausfallen, die Regie-Neuling Bryan Fuller in Szene setzt, desto mehr fragen wir Zuschauer vor der Leinwand uns, ob das Monster unter dem Kinderbett nicht tatsächlich existieren könnte.
„Dust Bunny“ punktet als grellbuntes Erwachsenenmärchen mit düsteren Traumwelten, die ausschauen, als ob Regiekollege Terry Gilliam von den Monty Pythons am Drehbuch mitgeschrieben hätte. Erzählt wird uns die Geschichte aus Sicht des Kindes – als deren Alter ego Sophie Sloan eine bravouröse Leistung neben Stars wie Mads Mikkelsen oder Sigourney Weaver abliefert.
D: Mads Mikkelsen, Sophie Sloan, Sigourney Weaver, Sheila Atim, David Dastmalchian, Rebecca Henderson.
Sie glauben an Engel, Herr Drowak?
Deutschland/ Schweiz ´25; R: Nicolas Steiner. Ab 19.2. Wertung: *** Bild: X-Verleih
In jener von Filmemacher Nicolas Steiner größtenteils schwarz-weiß in Szene gesetzten, ungemein kafkaesk wirkenden Alltagswelt darf man mit Fug und Recht ein „Amt für Ruhe und Ordnung“ erwarten – dessen Amtsleiter (übergriffig unangenehm: Bühnen-enfant terrible Lars Eidinger) die Idee faszinierend findet, die schwierigsten Klienten seiner Behörde versuchsweise zur Begegnung mit den schönen Künsten zwingen zu können. Das erhoffte Ziel dieser Maßnahme soll die Sozialfälle im Idealfall zu besseren Menschen und somit zu einem vollwertigen Mitglied der Gesellschaft werden lassen. Während die angebotenen Kurse für Gesang, Malerei oder das Schauspielern bestens nachgefragt sind, liegt für den Schreibkurs nur die Anmeldung eines zurückgezogen lebenden Eigenbrötlers mit Namen Hugo Drowak (Markovics) vor. Nicht dass es den Alkoholiker stören würde, der einzige Interessent des Schreibkurses zu sein, den die junge, hochmotivierte Sozialarbeiterin Lena Jacobi (Wedler) zwecks Coachings alsbald heimsucht. Und wider Erwarten gelingt es der lebensfrohen Frau, den hasserfüllten Menschenfeind in seiner zugemüllten Wohnung zu motivieren: Beim Tippen in eine alte Schreibmaschine regt sich das lange weggesperrte literarische Talent in Drowak. Mit seinen poetischen Einfällen beeindruckt er Schreibtherapeutin Jacobi. Doch je mehr sich der alte Suffkopp seinen Erinnerungen stellt, desto stärker droht sein Alltag in einen Albtraum wegzudriften.
Die Groteske bringt uns eine Gesellschaft näher, in der Menschlichkeit durch Bürokratie ersetzt wird – sehenswert besetzt mit dem souverän schauspielernden Duo Wedler/Markovics in einer leider mit der Zeit kafkaesk ausufernden Szenerie.
D: Luna Wedler, Karl Markovics, Lars Eidinger, Jan Bülow, Dominique Pinon.
Souleymans Geschichte
Frankreich ´24; R: Boris Lojkine. Ab 19.2. Wertung: **** Bild: Unité
In der Hoffnung auf ein besseres Leben hat sich der aus Guinea stammende Mittzwanziger Souleyman (Sangare) bis Europa durchgekämpft. In der französischen Hauptstadt kommt er mittlerweile halbwegs über die Runden und kennt die vielen Fallstricke, mit denen Illegale permanent konfrontiert sind. Als Fahrradkurier ist´s sein Job tagein, tagaus durch die Straßen der Metropole zu pesen, um Restaurantlieferungen zuzustellen. Dabei ist der rasende Radler einerseits den Launen der Küchenteams und deren Kundschaft ausgeliefert, andererseits von den kaum minder fiesen Abhängigkeiten innerhalb der migrantischen Gemeinschaft betroffen. Beispielsweise muss er jemanden bezahlen, der ihn mit Dokumenten für den Asylantrag versorgt, ihm zudem Tipps fürs Gespräch mit der zuständigen Person bei der Behörde gibt, um als Asylant anerkannt zu werden. In den Tagen vor seiner Anhörung steht Souleyman enorm unter Druck, wächst die Gefahr, beim Ausliefern einen Unfall zu bauen und dann ohne Papiere erwischt zu werden. Weil man ihm eingetrichtert hat, dass er um den begehrten Aufenthaltstitel zu bekommen, die Geschichte eines anderen Flüchtlings wie im Schlaf abspulen und als seine eigene ausgeben müsse, kreisen Souleymans Gedanken nur noch um den bevorstehenden Anhörungstermin, bei dem ein falsches Wort über die Zukunft eines Menschen entscheiden könnte.
Filmemacher Boris Lojkine, einst Philosophiedozent, nimmt diese entscheidenden Stunden vor der Anhörung in den Fokus, folgt Souleyman, um mit einer Studie über einen Getriebenen zu punkten. Dokumentarisch anmutend – auch weil Laiendarsteller Abou Sangare seine eigene Asylgeschichte mit einbringt; was die Geschichte umso realer wirken lässt.
D: Abou Sangare, Nina Meurisse, Emmanuel Yovanie, Younoussa Diallo, Ghislain Mahan, Yaya Diallo, Mamadou Barry, Alpha Oumar Sow.
The Moment
USA ´25; R: Aidan Zamiri. Ab 19.2. Wertung: *** Bild: Universal Pictures
In diesem leicht fiktionalisierten Plot stellt Filmemacher Aidan Zamiri die echte Britpop-Sängerin Charli XCX in den Mittelpunkt, die nach dem Megaerfolg ihres auch in Wirklichkeit 2024 erschienenen Albums „Brat“ in „The Moment“ einerseits vom Plattenlabel zu lästig-unsinnigen PR-Aktionen gedrängt wird, während ihr andererseits vor allem die Planung der bevorstehenden Arena-Tour durch den Kopf geht. Durch die immensen äußeren und inneren Erwartungen fortwährend auf sich selbst zurückgeworfen, entzieht sich die Sängerin den erzwungenen Strategien ihres Managements dann irgendwann, indem sie eine spontane Auszeit auf Ibiza nimmt. Derweil reiben sich die gegensätzlichen ästhetischen Vorstellungen der fürs Tourkonzept zuständigen Charli-Vertrauten und Freundin Celeste (Gates) und der Spektakel-Ansatz des vom Label ins Spiel gebrachten Tourneedoku-Filmers Johannes Godwind (Skarsgard) immer heftiger aneinander, gelingt es Godwind schließlich, seine Bühnenkonzept-Rivalin zu entmachten. Auch die aus dem Kurzurlaub wieder einschwebende Pop-Größe entschwindet bald ungefragt erneut, um sich in ihrem Londoner Domizil auf die anstrengende Live-Tournee bestmöglich einstimmen zu können.
Der bislang für seine extravaganten Musikvideos geschätzte Regisseur Zamiri greift die durchaus selbstironischen Ideen, die Charli XCX zunächst formuliert hatte, auf – und bringt sie mit weiteren Erlebnissen rings ums Erfolgsalbum „Brat“ und die sich anschließende Konzerttour zusammen, um daraus eine Mockumentary zu produzieren. „The Moment“ gewährt uns erhellende Einblicke ins knallharte Pop-Business.
D: Charli XCX, Alexander Skarsgard, Rosanna Arquette, Kate Berlant, Jamie Demetriou, Hailey Benton Gates.
Father Mother Sister Brother
Frankreich/ Irland/ Italien/ GB/ USA ´25; R: Jim Jarmush. Ab 26.2. Wertung: *** Bild: Vague Nation
Für seinen Episodenfilm „Father Mother Sister Brother“ trommelt Regie-Altmeister Jim Jarmush ein beeindruckendes Star-Ensemble zusammen, um das zumeist familiär schwierige Verhältnis von Kindern zu ihren Eltern zu beleuchten. Am harmonischsten steht es offenbar um die Schwester/Bruder-Beziehung von Skye (Moore) und Billy (Sabbat) in Episode drei, die als Zwillings-Duo über quasi telepathische Fähigkeiten verfügen und es somit spüren, was der jeweils anderen Geschwister-Hälfte durch den Kopf geht. Die beiden haben sich in Paris verabredet, um ein letztes Mal das inzwischen leer geräumte Apartment ihrer tödlich verunglückten Eltern aufzusuchen. Auf der Fahrt durch die französische Metropole sprechen Skye und Billy über alles Mögliche, genießen sie wiederholt die von ihnen Twin-Factor-Momente genannten nonverbal-Eingebungen. Während in dieser Paris-Episode unausgesprochen Harmonie zwischen den Zwillingen herrscht, kann davon weder in der in Dublin spielenden, noch in der New Jersey-Episode je die Rede sein. Im Auftaktkapitel statten die Geschwister Jeff (Driver) und Emily (Bialik) ihrem verwitweten Vater (Waits) nach gut zwei Jahren einen Besuch in dessen abgelegener Hütte im winterlichen New Jersey ab – und das Wiedersehen verläuft zäh, im Grunde hat man sich nichts zu sagen. Ähnlich ergeht es den beiden sehr unterschiedlichen Schwestern (Blanchett und Krieps), die in Dublin zum alljährlichen Nachmittagstee bei der als Autorin äußerst erfolgreichen Mutter (Rampling) einschweben – und deren bemühter Smalltalk zu dritt in Jarmushs Inszenierung vor allem die mühsam überspielte Enttäuschung der alten Dame über die in ihren Augen gescheiterte Existenz beider Töchter über Gesten und Blicke einfängt. Da in keiner der drei Episoden schreckliche Familiengeheimnisse gelüftet werden müssen, es der Regie auch nie darum geht, die angeknacksten Beziehungen zwischen Eltern und Kindern zu sezieren oder zu heilen, verläppern Jarmushs Geschichtchen trotz der hochkarätigen Besetzung im Ungefähren.
D: Cate Blanchett, Charlotte Rampling, Adam Driver, Vicky Krieps, Tom Waits, Indya Moore, Luka Sabbat, Mayim Bialik.

















