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Filme im Kino
MoX Kinotipps KW207.01.2026
Texte: Horst E. Wegener
Song Sung Blue
USA ´25: R: Craig Brewer. Ab 8.1. Wertung: **** Bild: Focus Features
Ende der 1980er Jahre im US-Bundesstaat Milwaukee: Der Alltag von Mike Sardina (Jackman) ist geprägt von der Sorge, möglicherweise den Kontakt zur bei der Ex lebenden Teenietochter zu verlieren oder als trockener Alkoholiker rückfällig werden zu können, weshalb er kein Treffen bei den Anonymen Alkoholikern versäumt. Tagsüber arbeitet der psychisch angeknackte Vietnamkriegsveteran mittlerweile als Automechaniker, kann er vom damit verdienten Geld sein in der Einflugschneise des nahen Flughafens gelegenes Häuschen halten – doch derlei Finanzsorgen sind dem leidenschaftlichen Sänger absolut schnurz, sobald er des Abends auf irgendeiner Bühne steht, um die Hits seiner Lieblingsmusiker zu covern. So schäbig die allermeisten Lokalitäten sind, in denen Mike nebst jener Horde von gleichgesinnten Kollegen performen, wann immer es jedem von ihnen gelingt, die Leute im Publikum zum Zuhören zu bringen, haben sie ihr Ziel erreicht. Auch Claire (Hudson), die Mike zum ersten Mal bei einer solchen Cover-Show singen hört, hat´s drauf – und schlägt mit ihrer Wahnsinnsstimme und der dazu passenden Showbiz-Präsenz alle vor und hinter der Bühne in ihren Bann. Als sie ihm dann nahelegt, doch mal Neil Diamond zu covern, sind Mike die Songs dieser Musikergröße zunächst zu heilig, um sich an ihnen zu versuchen. Andererseits reizt ihn der Vorschlag, manche Klassiker der Showbiz-Legende nicht nur schnöde zu covern, sondern sie zu interpretieren. Claire, mit der Mike bald auch privat zusammenkommt, ist von der Tribute-Band-Idee ebenfalls angetan. Als Lightning & Thunder, flankiert durch weitere musikalische Mitstreiter bestreitet die Combo nach anfänglichen Schwierigkeiten Gigs in immer größeren Locations. Man wird lokal und bald auch überregional bekannt – bis Claire ein Autounfall aus der Bahn wirft. Da sie schon in früheren Zeiten immer mal wieder mental ins Straucheln geraten war, wird das Erreichte nun radikal in Frage gestellt. Regisseur Craig Brewer war von einer Doku über die seinem Film zugrunde liegenden wahre Geschichte der Lightning & Thunder Neil Diamond Tribute Band so berührt, dass er den Stoff unbedingt fürs Kino bearbeiten wollte. Dabei gelang es ihm, das vom Schicksal zeitlebens arg gebeutelte Underdog-Pärchen mit den Hollywood-Größen Hugh Jackman und Kate Hudson besetzen zu können. Und alle beide schauspielern und singen zum Niederknien, verkörpern die intensive Herzschmerz-Liebe der Sardinas glaubhaft sowohl in den Glücksphasen als auch in den tragischen Momenten. Ein Muss nicht nur für Fans von Neil Diamond Songklassikern; bittersüß.
D: Hugh Jackman, Kate Hudson, Michael Imperioli, Fisher Stevens, James Belushi, Mustafa Shakir, Ella Anderson, King Princess.
Ein einfacher Unfall
Iran/ Frankreich/ Luxemburg ´25: R: Jafar Panahi. Ab 8.1. Wertung: **** Bild: Les Films Pelleas
Die Erinnerung an jene furchtbaren Tage, als ihn das iranische Regime ins Gefängnis steckte und er dort mit stets verbundenen Augen gefoltert wurde, wird Vahid (Mobasseri) sein Leben lang nicht vergessen können. Wobei dem unschuldig Verhafteten vor allem das Geräusch der knarzenden Beinprothese des Verhörspezialisten, der ihn und all die anderen Insassen sardonisch quälen mochte, in Fleisch und Blut übergegangen ist. Wieder in Freiheit glaubt der Automechaniker seinen Ohren kaum zu trauen, als ihm eines Tages jenes typische Knarz-Geräusch unterkommt: Der potenzielle Kunde (Azizi), der da mitsamt Ehefrau und Tochter in der Werkstatt auftaucht, will lediglich einen Unfallschaden an seinem Wagen beheben lassen, scheint aber sein Gegenüber nicht wiederzuerkennen. Hingegen ist sich Vahid ziemlich sicher. Er folgt seinem mutmaßlichen Knast-Peiniger und zerrt ihn anderntags dann in einen Lieferwagen. Sein Plan: Mit dem entführten Eghbal in die Wüste zu fahren, um den Gekidnappten dort lebendig zu begraben. Doch dessen standhafte Beteuerung, er sei der Falsche, lässt Vahid zögern. Also verfrachtet er sein Opfer wieder in eine Kiste und klappert weitere Ex-Knackis ab, um deren Meinungen zu Eghbals wahrer Identität zu hören. Man ist sich uneins.
„Ein einfacher Unfall“, Jafar Panahis Gewinnerfilm der 2025er Goldenen Palme von Cannes, kehrt die Machtverhältnisse um und lässt die Opfer staatlicher Gewalt über ihre Peiniger richten. Obsiegt Rache oder Gnade? Mit Verve gespielt und mit leichter Hand inszeniert - Bildungsbürgerkino-Highlight.
D: Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Ebrahim Azizi, Hadis Pakbaten, Majid Panahi, Mohamad Ali Elyasmehr.
Greenland 2: Migration
USA ´26: R: Ric Roman Waugh. Ab 8.1. Vorankündigung Foto: Lionsgate
Fünf Jahre sind mittlerweile ins Land gegangen, seit der interstellare Komet Clarke die Erde getroffen und größtenteils verwüstet hat. Zwar konnte sich die Familie Garrity rechtzeitig in einen Bunker auf Grönland retten, doch das Überleben dort gestaltet sich zusehends schwieriger – teils, weil die Ressourcen vor Ort knapp sind, zudem weil dann ein Erdbeben den Bunker zum Einsturz bringt. Also bleibt John Garrity nur die Hoffnung, dass er für sich und seine Familie einen sicheren Zukunftsort im fernen Südfrankreich aufsuchen könnte. Allerdings ist der Weg dorthin beschwerlich und gefährlich – weite Teile Europas sind verstrahlt, Wetterchaos ist Alltag, anderen Überlebenden kann man nicht unbedingt trauen, immerhin stärkt die Postapokalypse den familiären Zusammenhalt, lässt Patriarch John glatt über sich selbst hinauswachsen…
Erste Trailersequenzen versprechen spektakuläres Unterhaltungskino mit breitwandträchtigen Schauwerten; Countdown läuft.
D: Gerald Butler, Morena Baccarin, Roman Griffin Davis, Amber Rose Revah, Gordon Alexander, Peter Polycarpou.
Extrawurst
Deutschland ´25: R: Marcus H. Rosenmüller. Ab 8.1. Wertung: *** Bild: Studio Canal/ Daniel Gottschalk
Die Zeichen der Zeit stehen auch im altehrwürdigen Tennisclub auf Veränderung – obwohl es unter dem seit Menschengedenken den Vorsitz innehabenden Möchtegern-Patriarch Heribert (Kerkeling) doch seiner Meinung nach stets optimal lief und jedwede Abstimmung immerzu als reine Formsache betrachtet werden konnte. Doch jetzt hat Melanie (Knauer) diese spinnerte Idee vom zweiten Grill für den Verein ins Spiel gebracht, und prompt läuft so ziemlich alles immer mehr und immer heftiger aus dem Ruder. Dabei legt die erfolgreichste Spielerin des Traditionsclubs mit dieser Anschaffung nur Wert darauf, ihrem Partner beim Doppel einen eigenen Grill zukommen zu lassen. Schließlich ist der türkischstämmige Erol (Yardim) Muslim – wohlgemerkt der einzige Muslim im Club. Dass er laut und deutlich bekundet, gar keinen eigenen Grill haben zu wollen, ist Melanie schnurz – woraufhin sich eine Krise entwickelt, die nicht einmal mit einer „Mehrheitsbratwurst“ zu beenden wäre.
Ein Tennisclub als Kaleidoskop der Gesellschaft – unter die Lupe genommen vom Drehbuchautorenduo Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob, bekannt für ihre TV-Serienerfolge mit „Stromberg“. Gewohnt wortreich darf sich auch in der von Regisseur Marcus H. Rosenmüller flott bis zotig inszenierten Kinokomödie „Extrawurst“ Deutschlands Fernsehstarparade um Hape Kerkeling durchs Drehbuch blödeln.
D: Hape Kerkeling, Christoph Maria Herbst, Fahri Yardim, Friedrich Mücke, Anja Knauer, Milan Peschel.
Madame Kika
Belgien ´25: R: Alexe Poukine. Ab 15.1. Wertung: **** Bild: Little Dream Pictures
Kika (Clavel) hat sich gerade erst aus einer festgefahrenen Beziehung gelöst, ist schwer verliebt und mit ihrem zweiten Kind schwanger, als der neue Partner unverhofft stirbt. Wie soll da das Leben nur weitergehen? Als Sozialarbeiterin verdient sie viel zu wenig, um alleinerziehend mit einer Tochter im Grundschulalter im sündteuren Brüsseler Alltag auch nur halbwegs über die Runden zu kommen. Andererseits geht es der Dreißigjährigen gegen den Strich, staatliche Hilfe anzunehmen. Also zieht sie vorübergehend wieder bei den Eltern ein, nimmt zusätzlich einen Nebenjob als Fischverkäuferin an – immer noch zu wenig, um der Pleite zu entkommen. Nächste Idee: Warum nicht mit dem Verkauf von zuvor getragener Unterwäsche die Kasse aufbessern? Eins führt zum anderen, so dass die taffe Überlebenskämpferin alsbald eine Nebentätigkeit als Sexarbeiterin und Domina aufnimmt. Kaum verwunderlich, dass ihr diese ungewohnte Rolle zunächst schwerfällt, aber mit der Zeit gelingt es Kika immer besser, auf die teils arg absonderlichen Wünsche der Kunden einzugehen – zumal ihr Domina Rasha (Snoek) und die anderen Kolleginnen stets mit Rat und Tat zur Seite stehen. Und nachdem es ihr klar wird, dass es bei dieser Arbeit um mehr geht als um körperliche Befriedigung, kann einem die Tätigkeit einer Domina sogar einen neuen Zugang zu sich selbst eröffnen.
Das Portrait einer Frau zwischen Trauer, ökonomischem Druck, emotionaler Selbstfindung, Lust und Zerbrechlichkeit – von Langfilm-Regiedebütantin Alexe Poukine glaubwürdig besetzt und inszeniert, gradwandert zwischen zärtlich-liebevollen Momenten und bitter-komischen Situationen gekonnt hin und her. „Madame Kika“ geht uns an die Nieren und trifft einen ins Herz.
D: Manon Clavel, Anael Snoek, Suzanne Elbaz, Makita Samba, Thomas Coumans.
Silent Friend
Deutschland/ Ungarn/ Frankreich ´25: R: Ildikó Enyedi. Ab 15.1. Wertung: **** Bild: Pandora Film
Ein Episodenfilm über Pflanzen und Menschen, der ein gutes Jahrhundert abdeckt – auf eine derartige Idee muss man erst einmal kommen. Zur allgemeinen Verständlichkeit hat die ungarische Filmemacherin Ildikó Enyedi ihre jeweiligen „Silent Friend“-Kapitel klar voneinander abgegrenzt: Die 1908 spielende Geschichte wird in Schwarz-weiß abgelichtet, bei der sich anschließenden Episode von 1972, wurde mit grobem 16mm-Farbfilm gearbeitet, und für das 2020er Kapitel bevorzugte man Digitalfilmmaterial. Alle drei Episoden tragen sich fast ausschließlich im Botanischen Garten der Universitätsstadt Marburg zu - stets in der Nähe eines uralten Gingko-Baumes: Dorthin führen den Neurowissenschaftler und Gastprofessor aus Hongkong Tony Wong (Chiu-wai) etwa seine Spaziergänge, die ihn während der Corona-Lockdownphase 2020 die Idee zu einem Experiment fassen lassen. In der Episode von 1972 verehrt der schüchterne Student Hannes (Brumm) die lebensfrohe Kommilitonin Gundula (Burow), steht ein Experiment mit einer Geranie an. Und last not least fängt die Regie im 1908er Kapitel die Geschichte von Marburgs erster Biologiestudentin ein, der die Hochschulmännerwelt skeptisch entgegentritt – doch Grete (Wedler) hält unbeirrbar am einmal eingeschlagenen akademischen Weg fest und führt die Methoden der Fotografie letztlich erfolgreich in die botanische Forschung ein.
So sperrig „Silent Friend“ klingen mag, ist Regisseurin Enyedi doch ein erstaunlich kurzweiliges, prominent besetztes Werk gelungen – eindeutiger Publikums- und Kritiker-Liebling beim letztjährigen Filmfestival von Venedig.
D: Tony Leung Chiu-wai, Luna Wedler, Enzo Brumm, Sylvester Groth, Martin Wuttke, Léa Seydoux, Marlene Burow.

















