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Filme im Kino
Kino-Tipps KW4903.12.2025
Texte: Horst E. Wegener
Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße
Deutschland ´25: R: Wolfgang Becker. Ab 11.12. Wertung: **** Bild: Frederic Batier/ X-Filme AG
Die Jahre nach dem Ende der DDR haben dem treuherzig-naiven Ossi Micha Hartung (Hübner) mitnichten das erhoffte sorgenfreie Leben beschert. Und angesichts der vielen Mahnbescheide, die von dem Betreiber einer Videothek im Berliner Osten stets ungeöffnet in einer Obstkiste gestapelt werden, wäre es fast 30 Jahre nach dem Mauerfall höchste Zeit, das unrentable Geschäft dicht zu machen. Doch dann kreuzt plötzlich dieser Möchtegern-Starjournalist des renommierten Hamburger Nachrichtenmagazins im Laden auf, mit Fragen zu einer Vor-Wende-Geschichte: Da hatte im Sommer 1983 eine falsch gestellte Weiche vor dem Ost-Berliner Grenzbahnhof Friedrichstraße bewirkt, dass ein S-Bahnzug mit 127 DDRlern auf das Ferngleis umgeleitet wurde, um im Westen anzukommen. Verantwortlich für diese spektakuläre Massenflucht war laut Recherche des beim Pleitier vorsprechenden Journalisten Landmann (Ullrich) ein Bahnhofsstellwerksmeister namens Michael Hartung. Den einstigen S-Bahner nervt die Wissbegierde des Besuchers, doch als der ihm ein stattliches Honorar für die Bestätigung der in alten Stasiakten recherchierten Geschichte bietet, wird Micha schwach und nickt alles ab, was das Gegenüber von ihm hören will. Landmanns aufsehenerregende Titelgeschichte macht dann im Vorfeld des Jahrestages im Nu eine Berühmtheit aus dem ewigen Ossi-Looser. Dabei ist´s nurmehr eine Frage der Zeit, bis das Gebilde aus zusammengereimter Stasi-Aktenlüge einerseits sowie dem von Landmann und Hartung geschönten Bündel aus Halbwahrheiten in sich zusammenfällt. Als dem vorgeblichen Helden vom Bahnhof Friedrichstraße dann allerdings Paula (Paul) begegnet, die als Teenie in jener umgeleiteten S-Bahn gen Westen saß, muss der sich in die Schöne verliebende Hochstapler wider Willen endgültig eine Entscheidung fällen: Bleibt er bei der aufgebauschten Geschichte oder erzählt er, wie es damals wirklich war. Die Adaption von Leo Maxims Post-Wende-Roman “Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ bot dem nach Drehschluss verstorbenen Filmer Wolfgang Becker die Chance, thematisch an seine einstige Erfolgs-Dramödie „Good bye, Lenin“ anzuknüpfen. Genüsslich wird die kollektive deutsch-deutsche-Erinnerungskultur hinterfragt sowie die Dynamik einer aus dem Ruder laufenden Medienmaschinerie beobachtet. Kenntnisreich vom Ossi-Schriftsteller Leo Maxim in dessen Bestsellervorlage beschrieben und vom Wessi-Regisseur Wolfgang Becker mit viel Lokalkolorit angereichert stimmig verfilmt. Wortwitzig, illuster herzschmerz-affin besetzt und vor allem dank Charly Hübners liebenswert verpeiltem Hochstapler wider Willen absolut sehenswert.
D: Charly Hübner, Christiane Paul, Leonie Benesch, Leon Ullrich, Peter Kurth, Thorsten Merten, Katerina Witt, Daniel Brühl.
Rückkehr nach Ithaka
Italien/GB/Frankreich/Griechenland ´24: R: Uberto Pasolini. Ab 11.12. Wertung: **** Bild: Ithaka Films/ Marvelous Productions
Die gut zehn Jahre andauernde Belagerung und Zerstörung von Troja sowie weitere zehn Jahre, in denen König Odysseus (Fiennes) durch die Welt irrte, bevor es ihn endlich wieder heimwärts zieht, haben den Kriegshelden schuldbewusst altern lassen. Traumatisiert gibt er sich nach seiner Ankunft auf Ithaka zunächst niemandem im Palast zu erkennen, um insgeheim die Lage sondieren zu können: Seine Ehefrau Penelope (Binoche) glaubt zwar nach wie vor an die Rückkehr ihres Gemahls, muss sich allerdings längst etlicher um sie herumscharwenzelnder Typen erwehren, die die Königin bedrängen, ihren abwesenden Göttergatten für tot zu erklären und sich aus ihrer Runde einen Nachfolge-Gemahl zu erwählen. Dabei geht es diesen Lebemännern ausschließlich um die einem von ihnen somit zufallende Macht. Ihr einstiges Ehebett hält Penelope hinter einem geheimen Zugang in einem Geheimzimmer versteckt – doch die Frage bleibt, wie lange sie sich den Forderungen ihrer machtgeilen Umgebung noch widersetzen kann. Während die Beantwortung dieser Frage die Königin umtreibt, muss Odysseus entscheiden, ob er sich zu erkennen gibt - was einen Kampf gegen die Nebenbuhler unumkehrbar machen würde.
Regisseur Uberto Pasolini verwandelt die bestens bekannte Homer´sche Mär in eine filmische Tragödie, die uns sowohl als Antikriegs-Drama als auch in puncto Charakterstudie fesselt.
D: Ralph Fiennes, Juliette Binoche, Charlie Plummer, Mrwan Kenzari, Claudio Santamaria.
Eternity
USA ´25: R: David Freyne. Ab 4.12. Wertung: *** Bild: A24
Schier unlösbar kommt Joan (Olsen) die zu fällende Entscheidung vor: Soll sie sich fürs Hinüberwechseln in die Ewigkeit ihren Ehemann Larry (Teller) an die Seite holen, mit dem sie über Jahrzehnte hinweg glücklich gelebt hat – oder guckt sie sich besser ihre erste große Liebe Luke (Turner) aus, der im Koreakrieg fiel, weshalb sich ihr bislang keinerlei Chance aufs weiter Turteln bot? Als frisch Verstorbene ist Joan in einer Art Durchgangsstation zum Jenseits wieder zu sich gekommen – und wird dort von ihren beiden Liebsten erwartet. Aufgrund der kniffeligen Situation, sich sowohl für die künftige Umgebung als auch in puncto Partnerwahl festlegen zu müssen, gesteht man der unschlüssigen Joan dann sogar die Möglichkeit zu, zwei verschiedene potenzielle Ewigkeiten mit jeweils einem der Konkurrenten auszutesten. Wir ahnen es: Danach fühlt sich die Umworbene nicht wirklich entscheidungsfreudiger.
Die Komplikationen einer Liebesdreiecks-Dramödie in eine romantische Komödie zu überführen macht einen Großteil von „Eternity“ aus und wird von der Regie mit launigen Ausflügen in Joans Vergangenheit historisch stimmig aufgepeppt. Man merkt nicht nur den Hauptdarstellern an, wie viel Spaß sie beim Dreh hatten; auch deren Sidekicks, die sich als persönliche Afterlife-Koordinatoren mächtig ins Zeug legen, dürfen glänzen. Leichtverdauliches Unterhaltungskino.
D: Elizabeth Olsen, Miles Teller, Callum Turner, Da´Vine Joy Randolph, John Early.
Zweitland
Deutschland/Italien/Österreich ´25: R: Michael Kofler. Ab 4.12. Wertung: **** Bild: Starhaus Filmproduktion
Der nach Ende des Zweiten Weltkriegs auf Veranlassung der Siegermächte zwischen Italien und Österreich ausgehandelte Pariser Vertrag von 1946 sollte vor allem der deutschsprachigen Bevölkerung im Südtirol künftig ihr Recht auf sprachlicher, kultureller und wirtschaftlicher Eigenständigkeit garantieren. Gleichwohl wurde dieses sogenannte „Gruber-Degasperi“-Abkommen von Rom aus nach Kräften ignoriert, indem man der schleichenden Italianisierung der Region um Bozen tatenlos zusah. Ein Zustand, der ab den späten 1950er Jahren die Untergrundorganisation Befreiungsausschuss Südtirol entstehen ließ. Und deren zusehends radikaler ausartende Aktionen gipfelten im Juni 1961 in der Sprengung von 37 Hochspannungsmasten rings um Bozen – eine Tat, die weder vor Ort noch international ignoriert werden konnte. Jenen sich aus dieser sogenannten Feuernacht entwickelnden Ereignissen widmet Regisseur Michael Kofler sein Familiendrama „Zweitland“, dass er mithilfe der beiden Südtiroler Brüder Paul (Prenn) und Anton (Rupp) Prassler auf Touren bringt. Während Anton, der Ältere, schon vor Jahren den elterlichen Bauernhof übernommen hat und ihn mit seiner Frau Anna (Schwarz) betreibt, liebäugelt sein jüngerer Bruder Paul mit dem Kunst-Studium im fernen München. Er steht kurz vorm Umzug, als die Feuernacht von ´61 seine Pläne zunichtemacht. Da Anton, in die nächtlichen Sprengungen verwickelt, Hals über Kopf gen Österreich fliehen muss, bleibt Paul nichts weiter übrig, als Schwägerin Anna und dem Neffen auf dem Bauernhof zur Seite zu stehen. Die Carabinieri ermitteln, verhaften Verdächtige, bedrängen die Prasslers – und der bis dahin eher neutral eingestellte Paul ahnt, dass ihm diese Haltung nicht weiterhilft. Nachdem dann auch noch sein bester Freund Hans (Mair Mitterer) verhaftet und im Gefängnis gefoltert wird, ist´s für den Möchtegern-Kreativen Zeit, sich zu den Zielen der Aktivisten zu bekennen.
Filmer Kofler hat weder einen Historienthriller noch ein Heldenepos im Sinn, sondern fokussiert sich stattdessen aufs familiäre Drama. Zudem zeigt er, dass Gewalt nur Gegengewalt erzeugt, was eine Spirale in Gang setzt, die sich nur schwer aufhalten lässt. Eine These, der man nur beipflichten kann.
D: Thomas Prenn, Aenne Schwarz, Laurence Rupp, Francesco Acquaroli, Fabian Mair Mitterer, Catarina Gabandea.
15 Liebesbeweise
Frankreich ´25: R: Alice Douard. Ab 4.12. Wertung: **** Bild: Tandem Films
Da gleichgeschlechtliche Paare in Frankreich seit Anfang 2013 heiraten dürfen, haben sich auch Céline (Rumpf) und Nadia (Chokri) kurzentschlossen das Ja-Wort gegeben. Und sie liebäugeln damit, Nachwuchs zu bekommen. Geplant, getan – doch die gesetzlich vorgegebenen Hürden fürs Liebespaar, die das eigene Kind durch die ältere Nadia austragen lassen wollen, sind allemal locker zu meistern, verglichen mit dem Ansinnen Célines, die ihren Status als zweite Mutter juristisch bestätigt haben will. Die zuständige Behörde fordert von ihr 15 persönliche Liebesbeweise, die in Form von Briefen von Freunden und Familienmitgliedern bei der Behörde einzureichen sind – und die belegen sollen, dass die künftige Mutter dieser Rolle gewachsen ist. Für Céline heißt das unter anderem, ihre eigene Mutter (Lvovsky) um einen Brief zu bitten, wohl wissend, dass die einzig für ihre Musik lebende Star-Pianistin noch nie den allerbesten Kontakt zur Tochter hatte…
Langfilm-Regiedebütantin Alice Douard beobachtet ihr lesbisches Pärchen sowohl beim Erbetteln der benötigten Briefe, als auch während der Phase vom Geburtsvorbereitungskurs hin zur Geburt des Töchterchens – ohne dabei das komplette Spektrum von Vorfreude, Unsicherheit, Angst, Ausgrenzung, Queerfeindlichkeit auszublenden. Dass die Regie das schwerblütige Thema humorig inszeniert und die Hauptdarstellerinnen ihre Rolle glaubwürdig meistern, hebt „15 Liebesbeweise“ über sonstige, oft bleierne Beziehungsdramen hinaus.
D: Ella Rumpf, Monia Chokri, Noémie Lvovsky.
Ein Leben ohne Liebe ist möglich, aber sinnlos
Spanien/Portugal ´25: R: Cesc Gay. Ab 11.12. Wertung: *** Bild: Neue Visionen Filmverleih
Privat hat sich Eva (Navas) in ihrer bereits mehr als zwei Jahrzehnte währenden Ehe mit Victor (Botto) und als Mutter zweier Teenager mit dem längst akzeptierten Alltagseinerlei arrangiert – und gönnt sich lieber beruflich Freiräume. Als Literaturagentin empfindet die leseaffine Bildungsbürgerin Gespräche mit immer wieder neuen Autoren als anregend und nimmt die damit einhergehende Möglichkeit, aus ihrem Wohnort Barcelona ab und an mal rauszukommen, gerne wahr. Doch dann begegnet ihr im Verlauf einer Geschäftsreise nach Rom Álex (de la Serna) – zunächst im Hotel, nachdem Eva die nicht verschlossene Tür zum Nachbarzimmer öffnet und einem nackten, seine Blöße eher mangelhaft mit einem Handtuch verdeckenden Unbekannten gegenübersteht. Obwohl die beiden Hotelzimmernachbarn sich ab da noch öfter übern Weg laufen, bleibt Eva zunächst reserviert. Und doch löst Drehbuchautor Álex etwas in ihr aus – was der Regie die Gelegenheit bietet, die 50-Jährige über ihr Leben und die Liebe nachdenken zu lassen, um schließlich den Neuanfang zu wagen. Nach der Trennung von Victor lässt Eva sich auf eine Reise durch die Welt des Online-Dating ein, stets auf der Suche nach ihrem Traummann. Obwohl der Film daran krankt, zu viele Personen ins Spiel zu bringen und man über Eva und ihren engeren Familienkreis eher zu wenig erfährt, hilft uns Nora Navas liebenswerte Verkörperung der Hauptdarstellerin über derlei Schwächen hinweg. Wer würde ihr nicht die Daumen drücken, dass sie die große Liebe irgendwann finden möge – oder?!?
D: Nora Navas, Rodrigo de la Serna, Juan Diego Botto, Àgata Roca, Fernanda Orazi.

















