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Filme im Kino
MoX Kino-Tipps KW 4719.11.2025
Texte: Horst E. Wegener
Eddington
USA ´25: R: Ari Aster. Ab 20.11. Wertung: **** Bild: A24 Film
Wir schreiben das Frühjahr 2020: Während in den Ballungsgebieten der USA Corona grassiert, sind in den eher ländlich geprägten Regionen bislang kaum Opfer des Virus zu beklagen. Trotzdem legt Ted Garcia (Pascal) als Bürgermeister des verschlafenen Nests Eddington im Bundesstaat New Mexico Wert darauf, dass man in der Öffentlichkeit Maske trägt und in den Geschäften Mindestabstand wahrt. Sheriff Joe Cross (Phoenix), der mit dem Bürgermeister permanent über Kreuz liegt, hält derlei Vorsichtsmaßnahmen zwar für gänzlich überzogen, zumal ihm noch kein Virus-Toter vor Ort untergekommen ist. Andererseits würde ihn niemand als Corona-Leugner titulieren – weshalb er die Einhaltung dieser neuen Vorschriften kraft seines Amtes allenfalls flexibel auslegt. Dass seine Schwiegermutter Dawn (O´Connell) ihren Kurzbesuch einfach nicht beenden mag und sich Cross´ extrem labile Ehefrau Louise (Stone) für die immer neuen Verschwörungstheorien ihrer meinungsstarken Mutter äußerst empfänglich zeigt, nervt. Dass die bessere Hälfte des Gesetzeshüters darüber hinaus dann sogar für den gern über die Corona-Lüge schwadronierenden Charismatiker Vernon (Butler) zu schwärmen beginnt, erfordert eigentlich zusätzlich Aufmerksamkeit. Jede Menge Gründe, dass Cross sich Überlegungen, bei der bevorstehenden Bürgermeisterwahl gegen den ihm verhassten Konkurrenten Garcia anzutreten, aus pragmatischen Gründen unterlassen sollte. Allerdings glaubt der Sheriff mit seinem Ansatz, gleich allen Antidemokraten in der Gegend die rote Karte zeigen zu wollen, bei der Bevölkerung offene Türen einzurennen und sich gegen Garcia durchsetzen zu können. Also blendet er die Situation bei sich zuhause weitestgehend aus. Ein Fehler, ganz klar!
Pandemie, Fake News, Polizeigewalt und die von der mehrheitlich weißen Kleinstadt-Jugend getragene Black Lives Matter-Bewegung - in seinem fabelhaft besetzten Neo-Western teilt Regisseur Ari Aster in alle Richtungen mächtig aus, um Verschwörungstheoretiker samt deren sich politisch aufplusternden Trittbrettfahrer genauso souverän zu entlarven wie die sich in ihrer Selbstgefälligkeit sonnenden Vertreter der progressiven Gegenseite. In Eddington scheinen ohnehin alle den Verstand verloren und nicht wiedergefunden zu haben – was uns Anlass zum Nachdenken über die gespaltene Gesellschaft gibt, weit über das ins Splatter-Genre abrutschende spektakuläre Schlusskapitel hinaus.
D: Joaquin Phoenix, Pedro Pascal, Emma Stone, Austin Butler, Deirdre O´Connell.
Zoomania 2
USA ´25: R: Jared Bush & Byron Howard. Ab 26.11. Vorankündigung Bild: Disney Enterprises
Der Fuchs Nick Wilde und die Häsin Judy Hopps, frisch gebackene Partner nach ihrem großen Erfolg in „Zoomania“ von 2016 stürzen sich in ihr nächstes Abenteuer: Bevor dies aber beginnen kann, verpflichtet Polizeichef Bogo die beiden Streithähne auf Teilnahme an einer Gruppentherapie, um ihnen Manieren beibringen zu lassen. Und dann wird es endlich ernst - einer Riesenschlange mit dem Namen Gary De´Snake, die in der Stadt Angst und Schrecken verbreitet, soll das fiese Handwerk gelegt werden. Judy erfährt jedoch, dass die Schlange harmlos ist und nur den guten Ruf ihrer Familie wiederherstellen will. Das Ermittlerduo wagt sich auf einen undercover-Einsatz, um in den dunkelsten Winkeln der tierischen Metropole eine Lösung des verzwickten Falls zu finden. Satte neun Jahre mussten die Fans des Originals auf die Fortsetzung des Animationshits warten, der seinerzeit weltweit über eine Milliarde Dollar in die Kassen brachte. Inmitten der durch die Bank weg liebevoll animierten Teil 2-Charaktere bekommt auch der heimliche Star des ersten Films wieder seinen Auftritt: Flash Slothmore, das nicht ganz so schnelle, in absoluter Zeitlupe agierende Faultier! Beste Popcorn-Kino-Unterhaltung, für jung und alt gleichermaßen empfehlenswert.
Animationsfilm.
Jay Kelly
USA/GB ´25: R: Noah Baumbach. Ab 20.11. Wertung: **** Bild: Netflix
Wann immer der alternden Hollywoodschauspieler Jay Kelly (Clooney) über sein bisheriges Leben und die Karriere nachdenkt, könnte das berufliche Resümee positiv ausfallen. Privat sieht es eindeutig negativer aus, muss sich der Star Scheidungen eingestehen und Töchter, zu denen er im Grunde kaum Kontakt hat. Andererseits sind das Überlegungen, die nach Möglichkeit ausgeblendet werden sollten, sobald man seinen Dickschädel durchzusetzen beschließt, indem der nächste Dreh kurzerhand geschwänzt wird, um dem jüngsten Töchterchen (Edwards) nach Europa zu folgen. Der Plan, mit Daisy Zeit zu verbringen, geht aber kein bisschen auf, da dem Star seine engsten Mitarbeiter folgen. Und wie üblich drängen sich in die Vater-Tochter-Zeit ständig Fans oder Zufallsbekanntschaften im Zug, intervenieren Kellys loyaler Manager Ron (Sandler) oder seine unter Dauerstrom stehende PR-Agentin Liz (Dern), beide erprobt darin, jegliches Chaos im Vorfeld zu erahnen und auszumerzen.
George Clooney spielt als Jay Kelly die Vorstellung von sich selbst, wird in Noah Baumbaums filmischer Reflexion über das Verschwinden einer Person im eigenen Mythos durch den von Adam Sandler mit stoischer Gelassenheit gespielten Manager und Freund sowie die von Laura Dern interpretierte PR-Agentin flankiert. Die Regie lotst Clooneys Kelly durch Paris, Rom und Venedig – und wann immer dem Star ein Moment der Privatheit und Ruhe vergönnt ist, droht eine Sinnkrise. Die Frage aller Fragen: Was bleibt übrig, wenn Drehhektik, PR-Stress und Applaus enden, man auf sich selbst zurückgeworfen wird? Sehenswert.
D: George Clooney, Adam Sandler, Laura Dern, Billy Crudup, Grace Edwards.
Zone 3
Frankreich/Belgien ´25: R: Cédric Jimenez. Ab 27.11. Wertung: *** Bild: Studiocanal
Zu diesem Paris in nicht allzu naher Zukunft würde wohl niemandem mehr jene seit langem bekannte Assoziation von der Stadt der Liebenden in den Sinn kommen: Aufgeteilt in drei Zonen lebt es sich in der den Politikern und der reichen Oberschicht vorbehaltenen Zone eins wie in einer schwer bewachten, gleichwohl mit allen Annehmlichkeiten ausgestatteten Gated Community, während es in Zone zwei schon weniger luxuriös zugeht und in Zone drei das Gesetz der Straße praktiziert wird. Da die Bewohner aller Zonen rund um die Uhr ein Armband tragen müssen, mit dem sich jedermanns Überwachung auf Schritt und Tritt gewährleisten lässt, ist an unbefugte Grenzüberschreitungen nicht mal im Traum zu denken – zumal dies von einer Alma genannten KI mittels bewaffneter Drohnen im Handumdrehen unterbunden werden würde. Und doch ist es jemandem gelungen, den Konstrukteur von Alma zu ermorden. In Zone eins vermutet man, dass John Mafram (Garrel), der Kopf einer Widerstandsgruppe namens Breakwalls den Mord in Auftrag gegeben hat. Um Klarheit zu schaffen und für die Zukunft Vorsorge betreiben zu können, werden Polizist Zem (Lelouche) aus Zone drei und Ermittlerin Salia (Exarchopoulos) aus Zone zwei auf den Fall angesetzt. So unterschiedlich das Duo ist - Zem in seinem Viertel gut vernetzt und notfalls ein harter Hund während sich Salia schwertut, Regeln zu missachten – man rauft sich zusammen, deckt eine Verschwörung auf und wird somit selbst zu Zielen.
Regieroutinier Cédric Jimenez zitiert SciFi-Klassiker wie „Blade Runner“ oder „Minority Report“, ohne je zu deren Klasse aufzusteigen. Andererseits ist „Zone 3“ trotz aller Vorhersehbarkeit sehenswert besetzt, routiniert in Szene gesetzt, actionreich, unterhaltsam.
D: Gilles Lelouche, Adèle Exarchopoulos, Louis Garrel, Romain Duris, Valeria Bruni Tedeschi.
Lolita lesen in Teheran
Italien/ Israel ´24: R: Eran Riklis. Ab 20.11. Wertung: **** Bild: Metropolitan Film Export
Iran 1979, nach dem Sturz des Schahs: Voller Hoffnung auf bessere Zeiten kehrt die Literaturwissenschaftlerin Azar Nafisi (Farahani) mit ihrem Ehemann Bijan (Marandi) aus dem Exil in den USA in die Heimat zurück, um am Lehrstuhl für Englische Literatur in Teheran eine Professorenstelle anzutreten. Doch die anfängliche Aufbruchsstimmung im Land schlägt schnell in religiösen Fanatismus um, R. Scott Fitzgeralds „Der große Gatsby“ empört vor allem die männlichen Studenten, löst einen Eklat in Nafisis Literaturkurs aus. Nachdem sie sich weigert, ein Kopftuch zu tragen, muss die Professorin die Uni verlassen – und beschließt, für ihre ehrgeizigsten Studentinnen einen geheimen Literaturzirkel bei sich daheim zu etablieren. Bald trifft sich die Frauengruppe privat, um gemeinsam all die von den Mullahs verbotenen Klassiker der Weltliteratur zu lesen und über Jane Austen, Vladimir Nabobov, F. Scott Fitzgerald und andere zu diskutieren. Das Ziel: Sich abseits der staatlich verordneten Kulturfeindlichkeit Freiräume zu erschaffen, um sich neue Gedankenwelten zu erschließen.
Der israelische Regisseur Eran Riklis schildert die beklemmende Atmosphäre eines Terrorregimes ebenso überzeugend wie die Leidenschaft des geheimen Literaturzirkels um Professorin Nafisi, deren weibliche Mitglieder sich partout nicht vorschreiben lassen wollen, was sie lesen dürfen. Das Diskutieren über die Lektüre gerät ihnen zum Akt der Befreiung ihrer Gedanken, mündet in eine stille Rebellion gegen die zwangsverordnete Anpassung ein.
D: Golshifteh Farahani, Zar Amir Ebrahimi, Mina Kavani, Reza Diako, Arash Marandi.
Der Fremde
Frankreich ´25: R: Francois Ozon. Ab 20.11. Wertung: *** Bild: France 2 Cinema
Im Algerien der 1930er Jahre wird ein junger Franzose (Voisin) wegen Mordes an einem Araber verhaftet und wartet im Gefängnis auf seine Hinrichtung. Ausgehend von dieser Rahmenhandlung rollt Frankreichs Regie-Tausendsassa Francois Ozon die Erlebnisse des Angeklagten vor der Tat auf – was einem Sisyphus-Unterfangen gleichkommt, da der junge Mann in seinen Dreißigern selbst angesichts des ihm drohenden Endes gleichgültig bleibt. Auch früher schon gab es keine Situation, in der Meursault zu irgendeiner menschlichen Reaktion fähig gewesen wäre. Weder der Tod der eigenen Mutter konnte Emotionen in ihm wachrufen, noch im Verhältnis zu seiner Arbeitskollegin Marie (Marder), mit der Meursault eine Affäre beginnt, könnte er jemals Gefühle zeigen. Dass sein Nachbar Raymond Sintis (Lottin) ihn in eine undurchsichtige Angelegenheit hineinzieht, die im Verlauf eines Ausflugs zum Strand eskaliert, bringt eine Tragödie ins Rollen, die dem immerzu emotionslos bleibenden jungen Mann dann sogar eine Anklage wegen Mordes einbrockt. Obwohl es im Grunde kein Motiv gibt, das ihn belasten könnte, wird die für niemanden nachvollziehbare Gleichgültigkeit Meursault ihm im Verlauf des Prozesses zum Verhängnis.
Ozon bleibt nahe an der literarischen Vorlage, spiegelt in seiner Adaption des Weltliteratur-Klassikers „Der Fremde“ von Albert Camus zwar gekonnt den französischen Kolonialismus der 1930er Jahre in Algier in großkörnigem Schwarzweiß, scheitert aber wie zuvor schon der Regietitan Luchino Visconti mit seiner 1967 Verfilmung darin, uns seine unerklärlich bleibende Hauptfigur näher zu bringen oder gar zu erklären.
D: Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, Denis Lavant, Susann Arlaud, Mireille Perrier, Jean-Charles Clichet.

















