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MOX Kino-Tipps KW1401.04.2026













Texte: Horst E. Wegener


Der Magier im Kreml
USA/ GB/ Frankreich ´25: R: Olivier Assayas. Ab 9.4. Wertung: ***** Bild: Curiosa Films

In den postsowjetischen 1990er Jahren hofften vor allem viele westlich orientierte Jugendliche in Russland zunächst noch auf Aufbruch, Demokratie, Kapitalismus, Zukunft. Stattdessen brach sich landauf, landab in Windeseile anything goes-Stimmung Bahn, war zusehends mehr das Recht des Stärkeren gefragt. Avantgarde-Künstler Vadim Baranov (Dano) inszeniert zu jener Zeit Theaterstücke in Moskau – und ist sich sicher, dass man die Kunst des Inszenierens und Manipulierens strategisch für eine zukünftige Politik nutzen könnte. Die Chance, dies auszuloten, bietet sich ihm, als er den TV-Mogul Boris Beresowski (Keen) kennenlernt, jenen mächtigen Strippenzieher seinerzeit hinter Präsident Boris Jelzin, der später dessen Nachfolger im Amt, dem Geheimdienstmann Wladimir Putin (Law) den Weg in den Kreml ebnete. Während Baranov eine fiktive Figur auf den ersten Blick darstellt - erschaffen vom italienischen Schriftsteller Giuliano Da Empoli für dessen Bestseller und alsbald adaptiert vom französischen Regie-Profi Olivier Assayas fürs Kino -, gab es Beresowski tatsächlich, als reale Person, die Putin nach ganz oben in den Kreml pushte. Zum Dank dafür wurde der Förderer des Ex-Geheimdienstlers dann bei passender Gelegenheit entmachtet, erhängte er sich vorgeblich im britischen Exil, was zwar verdächtig nach Mord aussah, aber nie aufgeklärt werden konnte.
Doch zurück zum Film: Da erfreut sich Beresowski noch bester Gesundheit, als ihm Baranov in den 1990ern übern Weg läuft, nimmt der Geschäftsmann den Theaterregisseur kurzerhand zur Audienz beim Direktor des Inlandsgeheimdiensts FSB, Wladimir Putin, mit. Als Produzent einer Reality-TV-Show darf Baranov seine Manipulations-Ideen vertiefen, holt Jelzins Nachfolger im Kreml ihn sich dann an die Seite. Als Putins Berater formt er Visionen, wirkt mit beim Umbau des Regimes hin zur Autokratie.
In der Rahmenhandlung von Assayas Machtstudie hat sich Baranov längst aus der Tagespolitik des Kremls zurückgezogen, lebt er fern von Moskau auf seinem Landsitz – und wird dort von einem US-Journalisten (Wright) aufgesucht. Bereitwilligt spielt der Putin-Flüsterer den Zeitzeugen, erzählt er dem ausländischen Gast von seinem Aufstieg in den innersten Zirkel der Macht. Es ist faszinierend, Paul Dano in der Rolle des fiktiven Polit-Möglichmachers Vadim Baranov, der an den realen Kreml-Chefideologen Wladislav Surkow angelehnt ist, zu beobachten. Eine der Qualitäten des Films: Man kann sich nie sicher sein, wieso Danos Baranov tut, was er tut - und ob er seine Spin-Doktor-Spielchen wenigstens im Nachhinein bereut. Ähnlich gekonnt legt Jude Law seinen Kreml-Herrscher an: starre Mimik, elastischer Gang, eiskalter Blick – überzeugend diabolisch. Derweil Baranov im Gespräch mit dem Journalisten zurückblickt, entschlüsselt uns die Regie eine facettenreiche Analyse, an welchen Stellschrauben der Macht gedreht wurde. Und man realisiert, dass viel von dem, was Putin seinem Land zumutet, wir heutzutage auch andernorts in Europa oder den USA mehr oder weniger ansatzweise beobachten können. Ob Aufklärung und Reflexion helfen ist und bleibt eine der Fragen, die „Der Magier im Kreml“ unbeantwortet lassen.  
D: Paul Dano, Jude Law, Alicia Vikander, Will Keen, Jeffrey Wright, Tom Sturridge.


Das Drama – Noch einmal auf Anfang
USA ´26; R: Kristoffer Borgli. Ab 2.4. Vorankündigung Bild: Leonine
Emma Harwood (Zendaya) ist eine Buchhändlerin aus Baton Rouge, der Hauptstadt von Louisiana. Sie ist mit Charlie Thompson (Pattinson) liiert, einem Museumsdirektor, der aus London stammt. Und dann sind die beiden Turteltäubchen irgendwann soweit, ihre innige Beziehung vertiefen zu wollen. Man plant die Traumhochzeit – bis ein schockierendes Geheimnis ans Licht kommt, und die unerwartete Enthüllung nicht nur die anvisierte Zeremonie rund ums Ja-Wort ernsthaft in Frage stellt.
Worum es dem norwegischen Filmemacher Kristoffer Borgli bei seiner Kino-Lovestory geht: Die Vorstellung von Liebe in unser aller heutigen scheinbar aufgeklärten Welt zu hinterfragen. Was sollen und wollen wir wirklich wissen über jene Person, mit der wir unser restliches Leben zusammen verbringen könnten? Der Regisseur, der bislang mit den Indie-Arbeiten „Sick of Myself“ und „Dream Scenario“ auf sich aufmerksam machte, konnte für sein drittes Werk die Starmimen Zendaya und Robert Pattinson für den Part der leidenschaftlich verliebten Möchtegern-Flitterwöchner gewinnen – und mit Traumkinobudget in England und den USA drehen. Erste Trailerclips versprechen Gefühls-Achterbahnfahrten, Dialogschlachten, Herzschmerz-Kino pur.
D: Robert Pattinson, Zendaya, Alana Haim, Michael Abbott Junior, YaYa Gosselin, Sydney Lemmon, Hailey Gates.


Siri Hustvedt – Dance around the Self
Schweiz/ Deutschland ´25; R: Sabine Lidl. Ab 2.4. Wertung: **** Bild: Medea Film Factory
Nach ihren sehenswerten filmischen Dokus über die Schauspielerin Hannelore Elsner, die Filmemacherin und Buchautorin Doris Dörrie und den US-Literaten Paul Auster ergreift Sabine Lidl die sich in New York eröffnende Chance, Austers ebenfalls schriftstellerisch tätige Ehefrau Siri Hustvedt zu portraitieren. Sieben Romane, einen Gedichtband sowie zahlreiche Essays hat die 1955 geborene US-Schriftstellerin Hustvedt seit den 1980er Jahren veröffentlicht. Obwohl sie sich zeitlebens in den Schatten ihres weltberühmten Ehemanns verdrängt glaubte, stand Austers „Lebensmenschin“ schon vor dessen Tod 2024 beim Bildungsbürgertum in aller Welt im Ruf, eine der wichtigsten Stimmen der US-amerikanischen Literatur zu repräsentieren. Da die Doku glücklicherweise noch vor Austers Tod gedreht werden konnte, kann die Filmemacherin Lidl bei ihren Besuchen im New Yorker Domizil des Literaten-Ehepaares auch deren gemeinsamen Alltag noch einfangen. Zudem baut sie immer wieder kurzweilige Anmerkungen von Hustvedts Ehemann ins Portrait ein, oder hängt sich an einen Trip der Schriftstellerin mit Filmemacher Wim Wenders in ein norwegisches Kaff dran, in dem die beiden ein Denkmal über eine Hexenverbrennung von 1691 besichtigen und über die 91 dem Scheiterhaufen überantworteten Opfer hernach in einer Bar diskutieren. Vor allem aber macht einem Lidls Doku Lust, Hustvedt zu lesen.
Doku.


Romeria – Das Tagebuch meiner Mutter
Spanien ´25; R: Carla Simon. Ab 9.4. Wertung: **** Bild: Elastica Films
Nach dem frühen Tod ihrer Eltern ist Marina (Garcia) von klein auf im Kreis der Familie ihrer Mutter groß geworden, hatte das im katalonischen Barcelona aufwachsende Kind keinerlei Kontakt zur Familie des Vaters in der galizischen Küstenregion. Erst als die angehende Filmstudentin 2004 mit 18 Jahren fürs beabsichtigte Studium ein Stipendium beantragen will, wofür sie die Sterbeurkunde ihres Vaters benötigt, lässt sich die Reise hin zu den Großeltern väterlicherseits nicht weiter aufschieben. Vor Ort an der Atlantikküste wird Marina von den Verwandten zwar herzlich empfangen, muss aber sehr schnell Ungereimtheiten entdecken – angefangen damit, dass laut Sterbeurkunde ihr Vater Fon zum einen kinderlos gewesen sein soll, er zum anderen ganze fünf Jahre später beerdigt wurde, als man es seiner Tochter immerzu berichtet hat. Zumindest der Fehler mit der Kinderlosigkeit ließe sich durch einen Notarbesuch von Marinas Großeltern korrigieren; doch Opa (Egidio) zieht es vor, der Enkelin einen Umschlag mit Bargeld in die Hand zu drücken, um somit die Finanzierung des Stipendiums zu ersetzen. Auch passt kaum eine der widersprüchlichen Erzählungen über ihre Eltern vor Ort zu den Tagebuchaufzeichnungen ihrer Mutter, die in Marinas Besitz sind. Es dauert, bis die Verwandte auf Besuch von ihren Cousins und Cousinen erzählt bekommt, dass ihr Vater an Aids erkrankt vor seinem Tod lange versteckt worden sei; und von Onkel Iago (Gracia) wird Marina dann endlich darüber aufgeklärt, dass Fon als heroinsüchtiger Junkie für niemanden in der Familie hätte da sein können.
Mithilfe ihres Familiendramas stellt Regisseurin Carla Simon die Bemühungen ihrer Hauptdarstellerin ins Zentrum, das Leben der unbekannten Eltern zu rekonstruieren – ohne Antworten zu finden. Dass die Filmerin Marinas Schicksal teilt, macht ihr autobiografisch unterfüttertes Inszenieren von Macht und Ohnmacht des Erinnerns, Verdrängens und Verschweigens stimmig. An manch ausgedehnte filmische Passage, die Cineasten an Eric Rohmers Beobachtungsstil erinnern könnten, muss man sich in unserer kurzatmigen Jetztzeit zwar gewöhnen, aber es lohnt sich.
D: Llúcia Garcia, Mitch Martin, Tristán Velon, José Angel Egido, Marina Troncoso, Alberto Gracia.


How to make a Killing: Todsicheres Erbe
USA/ GB/ F ´26; R: John Patton Ford. Ab 9.4. Wertung: *** Bild: Studiocanal
Beckets Mutter Mary stammt zwar aus einer sündreichen Familie, wurde aber von ihrem Vater Whitelaw Redfellow (Harris) schon während der Schwangerschaft verstoßen, so dass ihr Sprössling in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs. Wenig verwunderlich, dass nach dem Tod von Beckets Zeit ihres Lebens verarmt gebliebener Mama ihr Hinterbliebener (Powell) zusehends mehr mit der Idee liebäugelt, sich die finanziellen Besitztümer sowie das feudale Anwesen seines Großvaters untern Nagel reißen zu wollen. Da man ihn gemäß seinen Recherchen in der gesetzlichen Erbfolge an achter Stelle platziert hat, müssten also nur all jene Verwandten, die vor ihm geboren wurden, das Zeitliche segnen – und schon wären sowohl Mama Marys Verbannung halbwegs gesühnt, als auch der vom fiesen Opa Whitelaw Redfellow ebenfalls verstoßene Enkel Becket in der Erbfolge ganz nach vorne gerückt. Bald häufen sich Unfälle, kommen Beckets Cousins, Onkel, Tanten und sonstige Erbberechtigte Schlag auf Schlag ums Leben. Als Kinogänger ahnt man, dass das Morden nicht zum gewünschten Erfolg führen wird, da sich Becket in einer Rahmenhandlung einem Priester im Knast anvertraut, wenige Stunden vor seiner Exekution.
John Patton Fords Möchtegern-Krimikomödie fehlt es an Thrill, Logik, Tempo, Dialog-Biss, woran weder die namhafte Besetzung der Nebenrollen (rund um Ed Harris, Margaret Qualley, Topher Grace) noch der Mix aus Skrupellosigkeit und Sonnyboy-Charme, mit dem Glen Powell auf sympathischen Serienkiller markiert, viel ändert. Und einem Vergleich mit dem übergroßen Vorbild „Adel verpflichtet“ hält „How to make…“ ohnehin nicht stand.  
D: Glen Powell, Margaret Qualley, Jessica Henwick, Ed Harris, Bill Camp, Zach Woods, Topher Grace, Bianca Amato, Raff Law, Sean Cameron Michael.


The History of Sound
USA/ GB ´25; R: Oliver Hermanus. Ab 9.4. Wertung: **** Bild: Fair Winter LLC
1917 in Boston: Der aus dem ländlichen Kentucky stammende Farmersohn Lionel (Mescal) hat dank seines absoluten Gehörs und der Fähigkeit, Töne nicht nur zu hören, sondern sie auch schmecken und intensiv farbig sehen zu können, ein Stipendium ergattert und beginnt am Konservatorium der Ostküsten-Metropole Musik zu studieren. In einer Bar sticht ihm der junge Pianist David (O´Connor) ins Auge; man liegt sofort auf einer Wellenlänge, beginnt eine lockere Affäre miteinander. Ihre gemeinsame Zeit in Boston wird durch den Ersten Weltkrieg und die Rekrutierung Davids für die Armee unterbrochen. Irgendwann nach Ende des Krieges erreicht den wieder auf die elterliche Farm zurückgekehrten Lionel ein Brief, in dem David anfragt, ob er nicht Lust hätte, mit ihm die Provinz zu bereisen, um traditionelle Folksongs auf Edison-Wachswalzen aufzunehmen und für die Nachwelt zu dokumentieren. So fröhlich sich das Wiedersehen der beiden Freunde und Liebhaber zunächst anlässt, treten im Verlauf ihrer Wanderung durchs winterliche Maine doch zusehends mehr Spannungen offen zutage, ist David eindeutig kriegstraumatisiert. Nach dieser musikalischen Forschungsprojektreise geht man getrennter Wege. Lionel verschlägt es nun nach Europa, wo er sich ein Leben voller Erfolg aufbaut, wechselnde Kurz-Beziehungen zu Männern wie Frauen eingeht. Da er David aber einfach nie ganz aus dem Kopf kriegt, kehrt Lionel dann irgendwann aus Europa gen USA heim. Die Spurensuche nach dem vermissten Freund lässt den Heimkehrer am Konservatorium von Maine fündig werden - und Lionel entdeckt jene Wachszylinder mit Aufnahmen von Liedern wieder, die er für David damals einsingen mochte.
Basierend auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Ben Shattuck glückt dem südafrikanischen Filmemacher Oliver Hermanus zugleich ein Herzschmerz-Drama um die schwierige Freundschaft und Liebe zweier seelenverwandter Männer zueinander, wie auch eine Hommage an traditionelle US-Folkmusik, inszeniert er feinfühlig und besetzt stimmig.
D: Paul Mescal, Josh O´Connor, Molly Price, Raphael Sbarge, Chris Cooper, Emma Canning, Alison Bartlett.

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