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Rohe Energie01.04.2026



Text: Olaf Neumann Bild: Dirk Schneider

[font=Bembo]Am Anfang steht ein Traum: Ein paar Jungs vom Dorf wollen ein Heavy-Metal-Festival gründen. Auf einem Acker bei Wacken treffen alsbald 800 Fans, sechs regionale Bands und ganz viel Leidenschaft aufeinander. Die Bühne ist von den Hobby-Veranstaltern Thomas Jensen und Holger Hübner selbst gezimmert worden, den Strom liefert die freiwillige Feuerwehr, die Verpflegung stammt vom örtlichen Supermarkt, aber die Stimmung ist prächtig. Dreieinhalb Jahrzehnte später herrscht in Wacken Professionalität auf höchstem Niveau, was einen entscheidenden Faktor für den Erfolg des Festivals darstellt. Die Besucherzahl hat sich seit den Anfängen verhundertfacht. Bei der bevorstehenden 35. Festivalausgabe geben sich einige der größten Stars der internationalen Heavy-Szene die Klinke in die Hand.[/font][font=Bembo] [/font]
Allen voran Def Leppard aus Großbritanien. Sie blicken auf 100 Millionen verkaufter Tonträger zurück. Auf dem Hollywood Walk of Fame in Los Angeles wurden sie gerade in Zement gegossen. „Es hat definitiv viel Spaß gemacht“, erzählt ihr Sänger Joe Elliott (66). „Wir wurden 2019 in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen und 2025 auf den Walk of Fame direkt vor dem Capitol Building verewigt. Eine große Ehre, besser geht es nicht. Wir sind acht Fuß entfernt von Tina Turner und etwa zehn Fuß von den einzelnen Beatles – Paul, John, George und Ringo - das ist eine erstklassige Lage.“ Gute Songs seien das Wichtigste, um erfolgreich zu sein, findet Elliott. Er zeichnet verantwortlich für ekstatische Hard-Rock-Hymen wie «Pour some Sugar on me», «Rock of Ages» oder «Let’s get rocked». Es spiele keine Rolle, wie hässlich oder schön man sei. „Wenn deine Songs beim Publikum Anklang finden, kannst du das auch nach 65 Jahren noch machen, so wie Paul McCartney.“
Das Wacken Open Air hat sich von bescheidenen Anfängen zu einer Kultstätte für Metal-Fans weltweit entwickelt. Ist es für Def Leppard, die schon überall auf dem Planeten gespielt haben, etwas Besonderes, dort aufzutreten? „Wacken wird in der englischen Rockpresse nicht sehr oft erwähnt“, weiß Elliott. „Aber wir wissen natürlich davon, weil Leute uns immer wieder sagen, dass wir dort unbedingt spielen müssen, denn Wacken sei großartig. Ich bin gespannt, wie wir bei den Leuten ankommen, wir sind ja nicht so hart wie eine reine Heavy-Metal-Band. Aber wir haben schon auf Festivals gespielt, bei denen wir dachten, dass es für uns etwas schwierig werden könnte. Am Ende war es aber absolut großartig.“ Der Sänger muss auf einer Tournee dafür sorgen, dass seine Stimme stark bleibt, weshalb er keine dummen Sachen macht. Am Morgen nach einem schweißtreibenden Auftritt kann er nicht einmal sprechen, vom Singen ganz zu schweigen.
„Wir feiern auf der Bühne, wir leben für diese zwei Stunden“, erklärt er. „Das ist immer etwas Besonderes. Aber wenn wir von der Bühne kommen, schauen wir uns immer Filme an und trinken vielleicht ein Glas Wein. Wir haben Verpflichtungen, die weit über uns selbst hinausgehen. Man möchte ja, dass die Fans mit dem Gefühl nach Hause gehen, dass Def Leppard so gut waren wie nie zuvor. Ich als Sänger habe die größte Verantwortung.“
In der Welt von heute mit so viel Trennendem bringt vor allem Heavy-Metal-Musik Menschen zusammen, oft trotz gegenläufiger politischer Überzeugungen. Diese Erfahrung hat auch Judas Priest-Frontmann Rob Halford (74) immer wieder gemacht. „Das ist die überwältigende, unglaubliche, unzerstörbare Fähigkeit der Musik“, sagt er. „Sie kann all diese Situationen überwinden. Wir hören Musik, um uns von all den Problemen zu befreien, die uns ständig in den sozialen Medien und den Nachrichten eingehämmert werden. Es ist schwierig. Du kannst dich entweder auf diese Negativität einstellen oder das Ganze einfach abschalten. Ich persönlich habe mich immer von allem Negativen ferngehalten, weil es wertlos ist.“
Die positiven Werte und Tugenden im Auge zu behalten, ist für den Weltstar die beste Art zu leben. Halford beschreibt Judas Priest-Shows als einen eskapistischen Moment der Inklusivität. Was macht seine Konzerte so besonders? „Wir alle nehmen Musik auf einer persönlichen Ebene wahr“, so der Sänger, der von seinen Fans ehrfürchtig Metal God genannt wird. „In einer Live-Show wird dieses Gefühl noch viel stärker. Und lassen Sie uns über Inklusivität sprechen. Als schwuler Mann bin ich ein starker Befürworter davon, dass alle Arten von Menschen zusammenkommen und ein Konzert genießen. Das ist Inklusivität nicht nur auf sexueller Ebene, sondern auf der ganzen Linie. Es ist verrückt, wir schreiben das Jahr 2026 und sind in so vielen Bereichen des Lebens immer noch rückständig. Das ist es, was ich meine, wenn man eine Judas Priest-Show besucht. Da ist so viel integrative Kraft im Spiel.“
Heavy Metal wird oft mit Aggression und traditionellen männlichen Normen assoziiert. Trotz der Macho-Attitüde beinhaltet das Genre jedoch oft queere Elemente, wie das Tragen von Make-up und langen Haare. „Ich habe grundsätzlich den Eindruck, dass die Szene sich stark verändert hat“, sagt Falk Maria Schlegel (50) von Powerwolf, dem dritten Headliner in Wacken. Warum auf Rockkonzerten tendenziell mehr Männer als Frauen sind, kann er nicht erklären. Aber der Keyboarder und Songschreiber weiß: „Auch ganz viele Frauen hören Heavy Metal. Mein Eindruck ist, dass diese Community sehr homogen und rücksichtsvoll ist. Machogehabe habe ich persönlich weder Backstage noch beim Publikum erlebt. Ich bin froh darüber. Heute werden Dinge weniger akzeptiert, wenn sich zum Beispiel auf dem Wacken Open Air jemand daneben benimmt und komische Sprüche gegen andere macht. Dann muss man einfach Zivilcourage zeigen und der Person sagen, dass sie sich an die Regeln halten muss, wenn sie mitfeiern will. Wir betonen auf unseren Konzerten zwar immer, wir dürfen alle Sünder sein, aber das ist in einem anderen Kontext gemeint. Wir dürfen gerne hedonistsch sein, Extase zeigen und frenetisch feiern.“
Für Zakk Wylde (59) von der US-Band Black Label Society ist Wacken nicht weniger als „das offizielle deutsche Festival. Es war jedes Mal ein Riesenspaß, wenn wir dort gespielt haben. Für Metal-Fans ist es wie eine Pilgerreise. Alle fahren dorthin, zelten und haben eine tolle Zeit. Es ist einfach ein großartiges Festival. An diesem Ort alte Freunde zu treffen, sich mit ihnen zu unterhalten, die entweder mit anderen Bands arbeiten, mit denen wir in der Vergangenheit zusammengearbeitet haben, und dann die Bands selbst zu sehen – das ist wie ein Sommercamp mit alten Freunden.“
Das neue Album des Quartetts aus Los Angeles, «Engines of Demolition», klingt wie eine einzige Hommage an Ozzy Osbourne. Kein Wunder, schließlich hat Zakk Wylde viele Jahre in dessen Begleitband Gitarre gespielt. Und er hat den 2025 verstorbenen «Fürsten der Finsternis» auf dessen Abschiedskonzert in Birmingham begleitet. Wie war das für ihn? „Nun, es war so seltsam“, erzählt der Sänger und Gitarrist. „Wir wussten, dass er angeschlagen war. Aber ich dachte, wir würden an einem weiteren Album arbeiten. Unsere letzte Konversation ging so: «Oh, Zacky, wir müssen das machen, wir arbeiten an einer weiteren Platte, so wie damals, als du deine Allman Brothers- und Lynyrd Skynyrd-Phase hattest, wo es einfach sehr heavy, aber melodisch war.» Und ich sagte: «Okay, Ozzy, was immer du willst, Kumpel».“
Wie streng war Ozzy Osbourne als Bandleader? „Er war ganz easy“, flötet Zakk Wylde. „Und witzig. Urkomisch. Deshalb habe ich bei Plattenproduktionen mit Ozzy immer gesagt, es sei ein Wunder, dass überhaupt etwas geschafft wurde.“
Was suchen und finden die mehr als zehn Millionen Deutschen, die gerne Heavy Metal hören, eigentlich in dieser Musik? „Sie finden Resonanz“, sagt der renommierte Professor für Soziologie Hartmut Rosa von der Universität in Jena. „Sie erfahren eine starke Kraft, die sie berührt und bewegt. Diese Berührung hat immer auch etwas Heftiges, Irritierendes und Unauslotbares, es ist rohe Energie.“

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