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Schmerz wegtanzen & Wut schüren01.04.2026



Interview & Foto: Thea Drexhage


MoX: Ihr macht Rap/Cross-Over mit linksorientierten Texten. Das ist eine ziemliche Nische, in der ihr euch musikalisch bewegt. Mit „Alle hassen Nazis“ wart ihr plötzlich auf jeder Demo zu hören und wurdet einem breiten Publikum vorgestellt. Wie hat sich dieser Wandel für euch angefühlt?
Jonas: Uns gibt es ja seit zehn Jahren und das Projekt wurde stetig größer. 2018 gab es mit dem Song dann einen größeren Schritt und ohne das bewusst gewollt zu haben, wurden wir immer politischer, weil ich als Textschreiber bzw. als Privatperson, immer politischer wurde. Die Veröffentlichung von „Alle hassen Nazis“ hat sich gut angefühlt, wie du sagtest, ist die Musik ja etwas nischig, deshalb haben wir zuvor einfach nicht so viele Leute erreicht.
MoX: In den letzten 2-3 Jahren gab es dann diese ganz großen Demos: Rechtsruck, Merz, Stadtbild. Und gerade da hat sich die Nummer zu einem modernen Protestsong entwickelt…
Jonas: Bei Spotify gibt es so eine Viral-Hits-Liste und da war er im letzten Jahr ein paar Wochen drin unter den 50 viralsten Hits Deutschlands, das war schon krass. Da sind oft nur so inhaltsleere TikTok-Songs drin. Es war dann doch etwas Besonderes, dass so ein gehaltvoller Song darin vorkommt. Es ist aber auch abstrakt.Ich sehe die Zahlen, wie viele 100.000 Menschen das jeden Monat hören, aber das kann man ja nicht direkt greifen. Ich freue mich immer, wenn mir Freund*innen ein Video schicken, wo dieser Song auf einer Demo läuft. Da bekomme ich immer wieder Gänsehaut und ich bin froh, dass er richtig verstanden wird, als utopischer Gedanke.
MoX: Damit hat sich auch das Publikum auf euren Konzerten verändert, das nun deutlich jünger und diverser geworden ist. Habt ihr da als Band ein Verantwortungsgefühl?
Jonas: Ich glaube, das hat sich gar nicht so krass verändert. Uns war es immer wichtig zu versuchen, auf Konzerten einen Raum zu schaffen, wo sich jeder wohlfühlt. So einen richtigen Safe-Space können wir natürlich auch nicht bieten. Wir haben bei Konzerten Aushänge, dass man aufeinander achtgeben soll, dass niemand das T-Shirt auszieht, solange es nicht für alle in der Gesellschaft die gleiche Möglichkeit gibt, dies zu tun ohne sexualisiert zu werden, oder, dass niemand komplett besoffen in der Menge tanzt und Leuten ihren Raum nimmt. Das war uns schon vorher wichtig, aber jetzt fühlt es sich nochmal anders an, wenn man sieht, dass die ersten drei Reihen um die 18 Jahre alt sind und sie vielleicht teilweise zum ersten Mal auf ein Konzert gehen. Grundsätzlich haben wir schon immer darauf geachtet, dass sich nicht irgendwelche besoffenen Typen mehr Raum nehmen als vielleicht 16-jährige Flinta*.
MoX: Ihr seid selbst auf Demos unterwegs, spielt Veranstaltungen wie Rock gegen Rechts hier in Oldenburg. Wie eng sind für euch Musik und politischer Aktivismus verbunden?
Jonas: Ich denke, da kann ich nur für mich sprechen, weil ich seit 2014 generell sehr politisch aktiv wurde und im Geflüchtetenunterstützungsbereich gearbeitet habe. Seit 3 Jahren mache ich nur noch Musik, das heißt, das hat sich so ein bisschen abgelöst. Mit der Energie, die ich vorher in die praktische politische Arbeit gesteckt habe, kann ich im Moment auf der Bühne mehr Leute erreichen und mehr Effekt erzielen. Ich würde es aber nicht Aktivismus nennen. Wir sehen das eher als eine Art politische Bildungsarbeit. Das ist ein bisschen unser Auftrag. Selbst Leute, die sich vielleicht nicht als politisch erachten, werden durch unsere Musik vielleicht ein wenig politisiert.
MoX: Durch diese Position ist man aber auch der Öffentlichkeit ausgesetzt, mit all den Nachteilen, die das mit sich bringt. Wie geht ihr mit Gegenwind und Hasskommentaren im Netz um?
Jonas:Solange es nur Hasskommentare sind, sind wir das gewohnt. Das trifft uns nicht so. Ich bin bei uns allein für Social Media zuständig und habe eine ganze Zeit Diskussionen geführt und sehr viel moderiert in den Kommentaren. Letztes Jahr haben wir wegen eines Features ein paar Reel-Videos mit Rapperin Antifuch gedreht und uns ausgetauscht über unseren Umgang mit Hate-Comments. Sie als Frau bekommt natürlich viel mehr und viel krassere Sachen ab, geht damit aber super souverän um und meinte: „Das ist mir doch egal und es ist super für den Post. Der geht doch dann viral, sollen sie machen.“ Diese Einstellung habe ich mir ein bisschen abgeguckt. Gestern habe ich aber auch ein Video gepostet, wo einfach nur eine Frau auf unserem Konzert tanzt und eine gute Zeit hat und da kamen dann die ganzen rechten Kommentare und das fuckt einen schon manchmal ab. Bedrohlich fühlt sich das aber nicht mehr an, weil noch nie etwas passiert ist. Anders ist es, wenn es konkrete Morddrohungen gibt per DM, was auch schon vorkam. Da bekommen wir dann schon Sorge.
MoX: Der Gegenwind kommt vermehrt auch aus der Politik. Vereine und NGOs werden geprüft, in der Kultur werden Gelder gestrichen und Wolfram Weimer setzt zur Zensur an. Wie beobachtet man diese Entwicklung aus Künstlersicht? Jonas: Das kann einen sehr direkten Einfluss haben, wenn man sich auf Förderungen wie der Initiative Musik bewirbt. Die hat uns auch schon bei zwei Alben unterstützt. Sowas kann wegbrechen. Wir haben das im Hinterkopf und versuchen so zu rechnen, dass wir alles ohne Fördertöpfe hinbekommen. Es geht nun mal politisch vieles in Richtung rechts, auch ohne die AFD. Dass bei uns jetzt zensiert wird oder wir mal im Verfassungsschutzbericht landen, ist denke ich noch weit entfernt, wobei es bei letzterem verwunderlich ist, dass wir da noch nicht drin sind. Aber als ich vor ein paar Jahren noch für die NGO gearbeitet habe und da eine kleine Anfrage von der AFD kam, fühlte sich das schon etwas bedrohlich an – bei der Musik weiß ich aber nicht, wie da abseits der Fördertöpfe Einschränkungen kommen können. Und wenn doch, dann würden wir sicher auch Social Media nutzen, um einen Aufschrei zu erzeugen.
MoX: Was erwartet Menschen bei eurem Konzert bei Rock gegen Rechts?
Jonas: Wir versuchen, einen Ort zu schaffen, wo sich alle wohlfühlen. Wir bemühen uns, dass der Abend, den die Leute mit uns haben, eine rein positive Erinnerung bleibt und alle die Möglichkeit haben, aus sich rauszugehen und ein bisschen den Schmerz wegzutanzen, der uns ja alle mehr oder weniger betrifft durch die Situation der Welt - aber auch um die Wut zu schüren. In Oldenburg finde ich das nochmal speziell, weil es fast ein Jahr nach dem Tod von Lorenz ist. Das ist auch etwas, das wir thematisieren werden. Das wird das Ganze sicher noch einmal emotionaler aufladen. Es war das erste, was mir einfiel, als wir gebucht wurden, weshalb das Konzert für mich noch einmal eine ganz andere Wichtigkeit hat.

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