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„Mich interessiert die Schönheit der Figuren.“07.01.2026



Interview: Dieter Oßwald Foto: [font=Univers]Foz - Gaumont - France 2 Cinema, Carole Bethuel[/font]
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MoX: Monsieur Ozon, Sie drehen fast jedes Jahr einen neuen Film. Wollen Sie Ihr Idol Rainer Werner Fassbinder mit der Anzahl der Filme überholen?
François Ozon: Nein, Fassbinder hat mich ja bereits geschlagen. Er ist viel jünger gestorben und hatte bis zu seinem Tod mehr Filme gedreht als ich.
MoX: Was genau hat Sie dazu bewogen, dieses Buch zu verfilmen?
Ozon: Es ist ein Meisterwerk der französischen Literatur. Ich war von der Figur Meursault fasziniert, denn ich hatte ein anderes Filmprojekt, das ich nicht realisieren konnte: ein Porträt eines jungen Mannes, der mit der Absurdität der Welt konfrontiert wird. So las ich „Der Fremde“ erneut. Bei der erneuten Lektüre des Buches, das ich schon in der Schule gelesen hatte, wurde mir bewusst, wie kraftvoll und geheimnisvoll es noch immer ist. Ich begann mit der Adaption, um diesen Charakter zu verstehen und sein Geheimnis zu lüften.
MoX: Welche Bedeutung hat eine nihilistische oder existentialistische Figur für die heutige Zeit?
Ozon: Wir leben in einer Welt voller Absurditäten. Es fällt uns schwer, dem Geschehen um uns herum einen Sinn zu geben. Wenn wir sehen, was in den Vereinigten Staaten passiert, den Aufstieg der extremen Rechten oder den Krieg in der Ukraine, fällt es schwer zu verstehen, wie sich solche Dinge wiederholen können. Hat man denn aus der Geschichte nichts gelernt? Da kann man schnell resignieren: ‚Was spielt das schon für eine Rolle, da ich sowieso sterben muss und nichts mehr Sinn ergibt?’ Diese nihilistische Versuchung existiert also auch heute noch für viele Menschen.
MoX: Lässt sich das Ende als ein Hoffnungsschimmer verstehen?
Ozon: Das Interessante an dem Film ist, dass die Hauptfigur am Ende gegen die katholische Ideologie rebelliert. Meursault erkennt, dass der Augenblick zählt, nicht die durch den Katholizismus repräsentierten Ideologien. Er versteht, dass nicht die Ideologien an sich wichtig sind, auch nicht die, die der Katholizismus vertritt. Das ist also eine Möglichkeit, auf Absurdität zu reagieren.
MoX: Wie kam es zur Entscheidung, den Film in Schwarz-Weiß zu drehen?
Ozon: Für mich war es wichtig, die Geschichte in ihrem Kontext zu verstehen. Ich musste die französische Kolonialmentalität jener Zeit und die damalige Propaganda kennenlernen. Schwarz-Weiß
erlaubte mir, eine vergangene Ära wiederzubeleben, denn unsere gesamte visuelle Erinnerung an Algerien ist in Schwarz-Weiß. Und Schwarz-Weiß erlaubt es uns, die Beleuchtung viel weiter zu treiben und ein Gefühl von Wärme und Glanz zu erzeugen, das viel stärker ist als in Farbe.
MoX: Der Film hat eine sehr düstere Seite. Was macht das mit Ihnen, wenn Sie sich so lange mit einem düsteren Thema beschäftigen?
Ozon: Fragen nach dem Sinn des Lebens sind unweigerlich düster, weil alles zum Tod führt. Ich interessiere mich für die Schönheit der Figuren. Ich wollte die Schönheit und Sinnlichkeit der Welt um Meursault hervorheben.
MoX: Es gibt diese Szene vor dem Mord, die fast wie ein Flirt der beiden Männer wirkt. Die Kamera fährt über die Achselhaare und den freien Oberkörper. Wie hoch ist der homoerotische Faktor?
Ozon: Sinnlichkeit ist für Camus, wie auch für Meursault, von großer Bedeutung. Alles wird sinnlich erlebt. Meursault zeigt seine Gefühle nicht, aber er empfindet sie. Deshalb war es wichtig, die Schönheit von Maries Körper, die Liebesszene und die Sinnlichkeit in seiner Beziehung darzustellen. Er beobachtet die Schönheit. Und natürlich erkennt er in diesem liegenden Araber plötzlich Schönheit.
MoX: Oder will Meursault seine uneingestandene Homosexualtität mit dem Mord auslöschen?
Ozon: Nein, das bedeutet nicht, dass Meursault eine latente Homosexualität auslöscht, indem er den Araber tötet. Darum ging es nicht. Es ist vielmehr die Fremdartigkeit, die Meursault erkennt. Er sieht einen Araber vor sich, einen gutaussehenden Mann. Er befindet sich in einer Position der Dominanz. Die Sonne blendet ihn, das Messer reflektiert das Sonnenlicht. Das waren die Dinge, die mich interessierten. Vor dem Mord wollte ich einen Moment schaffen, in dem die Zeit stillzustehen scheint. Diese Dehnung der Zeit erzeugt einen schwebenden Moment. Es entsteht eine Art Erotik, aber es geht vor allem um das Zusammenspiel von Licht, Körper und Beobachtung.
MoX: Erotik zieht sich wie ein roter Faden durch Ihre Filme. Was fasziniert sie so daran?
Ozon: Kino ist der ideale Ort, um Sehnsüchte und Emotionen zu erkunden. Die Sinnlichkeit in Beziehungen und der Umgebung sollte betont werden. Gerade der dialogarme erste Teil des Films verstärkt dieses sinnliche Erleben. Es liegt in der Natur des Kinos, uns all das fühlen zu lassen. Kino ist eine Welt der Sehnsüchte. Und in gewisser Weise ein Ort der Freude. Ein Ort, der Sinn verleiht.
MoX: Als wir das letzte Mal sprachen, waren Sie skeptisch gegenüber künstlicher Intelligenz. Hat sich das geändert?
Ozon: Ich weiß es nicht. Bei meinem vorherigen Film „Wenn der Herbst naht“ wollte ich KI ausprobieren. Ich erzählte die Geschichte einer Mutter, die Pilze für ihre Tochter züchtet und sie vergiftet. Die KI schlug eine völlig andere Geschichte vor, im Stil von Walt Disney, in der sich Mutter und Tochter wieder versöhnen. Es hat Spaß gemacht, ist aber kaum relevant für die Regie. KI ist aktuell vor allem bei Spezialeffekten interessant. In diesem Film wurde sie genutzt, um Algerien in Marokko nachzubilden.
MoX: Zum Abspann läuft „Killing an Arab“ von „The Cure“. Was hat es mit diesem Song auf sich?
Ozon: Für den Abspann war es mir wichtig, The Cure mit ihrem legendären Song „Killing an Arab“ zu verwenden. Also schrieb ich an Robert Smith, der mir bereits das Recht eingeräumt hatte, „In Between Days“ in „Sommer 85“ zu verwenden. Zufällig hatte er gerade Viscontis Film erneut

gesehen und stimmte sofort zu, erfreut darüber, dass der Titel, der damals von einigen missverstanden und falsch interpretiert worden war, nun wieder in den Kontext von Camus’ Buch gestellt werden würde.

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