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Wie gemalt22.10.2025
Text und Fotos: Britta Lübbers
Sie haben etwas Fesselndes, die Bilder von Jens Thiele. Und sie scheinen wie gemalt. Aber das sind sie nicht. Sie sind Collagen aus Schnipseln, die der Künstler aus Lifestyle-Magazinen gerissen oder geschnitten hat. Man muss sehr nah herangehen, um das zu sehen. „Ich musste mich schon verteidigen“, sagt Jens Thiele. Immer mal wieder zweifelt jemand an, dass nicht Farbe, Feder und Pinsel seine Werkzeuge sind, sondern Schere, Klebstoff und Hochglanzpapier.
„Der stille Blick“ ist die Ausstellung im Elisabeth-Anna-Palais übertitelt, die Anfang Oktober eröffnet wurde. „Jens Thiele erschafft seine Figuren, indem er Licht und Schatten setzt, Flächen aufbaut und plastische Strukturen entstehen lässt. Dieser Prozess ist aufwendig und verlangt Geduld“, beschrieb Inge von Danckelmann von der AG „Kunst“ der Oldenburgischen Landschaft Thieles Vorgehen in ihrer Einführung zur Schau. „Ja, das ist so“, bestätigt der Künstler im Gespräch. Am Anfang stünden das Sammeln und Sortieren. Für seine Porträts nimmt Thiele gerne Oberflächen mit leichter Wölbung. Er hat aber keine mit Papierfetzen gefüllten Schubladen, aus denen er sich bedient. Seine Bilder entstehen über mehrere Wochen in einem konzentrierten, aber auch intuitiven Prozess, und sie verblüffen ihn zuweilen selbst. Bis sich bei einer Figur ein bestimmter Ausdruck herausbildet, experimentiert er oft stundenlang. Die Einzelteile fügt er erst spät zusammen. „Ich lasse mich gerne überraschen“, lächelt er.
In der Ausstellung sind Arbeiten aus verschiedenen Werkgruppen wie „In my room“ und „Melancholie“ zu sehen. Es gibt Bilder, die zeigen Tanz-Szenen; manche Werke sind inspiriert von anderen Künstlern, zum Beispiel von Lucian Freud oder Gustave Courbet. In „Hommage an Max Beckmann“ orientiert sich Thiele an zwei Selbstbildnissen Beckmanns, der von den Nationalsozialisten verfolgt wurde und ins Exil nach Amsterdam floh. In seinem Selbstporträt „Der Befreite“ malte Beckmann, wie er die ihm angelegten Ketten
sprengt. Doch wie befreit kann man sein, angesichts der fundamentalen Erfahrung von Terror und Angst? Jens Thiele stellt einen Mann dar, dessen Hintergrund vergittert ist. In seinem Nachbild wird deutlich, dass er nicht kopiert, sondern interpretiert. Und er tut dies auf eindringliche Weise.
Innovative Bildsprache
Jens Thiele wurde 1944 in Potsdam geboren. Nach Studien der freien Grafik an der Kunstakademie Braunschweig sowie der Kunstwissenschaft und Kunstpädagogik an der Universität Göttingen war er als Hochschullehrer tätig, u.a. an der Bergischen Universität Wuppertal und der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Hier hatte er von 1980 bis 2008 eine Professur für Visuelle Medien inne und leitete ab 1997 die Forschungsstelle Kinder- und Jugendliteratur. 2003 begann er, wieder selbst Kunst zu machen. Seit 2011 zeigt er seine Arbeiten in zahlreichen Ausstellungen. Lange lebte er in Münster, bis er vor drei Jahren nach Oldenburg zurückkehrte.
Wie kam er zur Collage, warum malt er nicht? „Ich war 30 Jahre lang nicht mehr künstlerisch tätig“, erzählt er. „Ich begann mit Ölfarben, aber es überzeugte mich nicht. Dann bin ich mit den Collagen angefangen und stellte fest, was man damit alles machen kann.“ Es gefiel ihm, er blieb dabei und verfeinerte seinen Stil, entwickelte eine starke Handschrift.
Jens Thiele hat auch Bücher in Collagetechnik veröffentlich, darunter 2004 „Jo im roten Kleid“ – ein Buch, das in den Feuilletons hochgelobt und mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Die Rezensenten würdigten die innovative Bildsprache, die große Ausstrahlung und die erzählerische Kraft. „Jo im roten Kleid“ ist ein Kinderbuch mit einem mutigen Helden, der auf die Frage: „Was würdest du machen, wenn du heute ein Junge wärst?“, entgegnet: „Ich würde mir ein schönes Kleid anziehen.“ „Das würdest du machen?“, wundert sich der Fragesteller. Und die Antwort lautet: „Das habe ich damals gemacht, als ich ein Kind war.“
Das Buch ist als Ansichtsexemplar ebenfalls in der Ausstellung zu sehen. Es ist zu einer Zeit erschienen, als Gender-Themen kaum jemanden interessierten. Jo ist ein leiser Held, der in Erinnerung bleibt. So wie die schwarzgrau oder farbig Porträtierten im Elisabeth-Anna-Palais. „Der stille Blick“ ist eine Ausstellung, die staunen macht und nachwirkt.
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