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Kultkneipe Eisen07.10.2025



MoX: Du arbeitest seit Gründung 1992 im Eisen und bist seit 2002 Inhaber. Gastro ist nicht einfach, wie hält man das so lange durch?
Fernando Guerrero: Dass das so lange geht, war 1992 noch kein Masterplan, sondern mein Job, um das Studium zu finanzieren. Da ich sowieso immer in der Subkultur und der Konzertszene unterwegs war, war das dann der natürliche Lebensraum, um sein Geld zu verdienen. Dann war die Zäsur 2002, als ich eigentlich grade mein Geologiestudium beendet hatte und mich um die Klimaforschung kümmern wollte. Da hat die damalige Chefin gesagt, dass sie aufhören wird und es gab nur die Option, dass das Eisen stirbt oder jemand aus der Belegschaft es weiterführt. Mein Kollege Benno meinte: Komm Fernando, lass uns das versuchen. Dafür bin ich ihm nachträglich sehr dankbar. Dieser Versuch dauerte dann bis Ende ’23, da hat Benno aufgehört und glücklicherweise hat Tanja seinen Part übernommen und sie ist der einzige Mensch, mit dem ich mir hätte vorstellen können weiterzumachen. Daher gibt es das Eisen noch. Es ist also eine Aneinanderreihung von spontanen Entwicklungen, eingebunden in ein großes Meer von „mal auf Sicht fahren“. Innerhalb dieses großen Meeres entwickeln sich über diese nunmehr 33 Jahre Verhaltensänderungen – ich bin glaube ich der spießigste Punkrocker Norddeutschlands. Abends gibt’s zuhause Kräutertee, ich rauche nicht, trinke so gut wie nicht und treibe viel Sport, weil ich der festen Überzeugung bin, dass man sehr viel Klarheit braucht, wenn man hier hinterm Tresen steht und für die Leute fürsorglich sein möchte. Dazu kommen die Möglichkeiten, die dieser Arbeitsplatz bietet. Die Dinge, die man liebt, Musik, Subkultur und Fußball, mit Haltung in den Job einzubinden, so, wie sie sich richtig anfühlen. Und ich bin halt auch der elendige Sozialromantiker, der sagt: wir haben nur eine Chance, indem wir im Kleinen eine Form von gesellschaftlichem Miteinander anbieten, was dann vielleicht nach draußen getragen werden kann.
MoX: Kneipen sind Begegnungsstätten – hast du in den letzten 33 Jahren Veränderungen beobachten können, oder ist das Eisen ein Kosmos, der gleich geblieben ist?
Fernando: Beides. Jahrzehntelang haben sich immer wieder neue Formen von Subkultur gebildet und die jeweils jüngste Generation ist neu reingerutscht und hat den Laden mit Leben gefüllt. Das war nicht immer meins, aber es war immer Subkultur - und das war im positivsten Sinne Mainstream. Wer jung war und cool sein wollte, hat ein subkulturelles Leben gewählt. Das hat sich schrittweise in den letzten 10-15 Jahren doch verändert. Subkultur ist so ein Außenseiterding geworden – die meisten Leute hören die Charts unironisch und sparen lieber 300€ für irgendeinen Monster-Act, statt 10x für 30 Euro etwas Unbekanntes entdecken zu wollen. Das hat sicherlich mit dem Internet und all den Facetten, die dieses mit sich bringt, zu tun. Früher musste man in die Kneipe gehen, um seine Freunde zu treffen oder in die Disco, um Jungen oder Mädchen zu erblicken, an die man sein Herz verlieren konnte. Das läuft jetzt über andere Muster und das hat sich während Corona noch einmal komplett verstärkt, weil eine Generation ohne diese Zeit des „Erwachens“ großgeworden ist. Die haben sich in der Coronazeit einfach andere Räume gesucht. Gleichzeitig erlebe ich aber auch, dass bei den Leuten, die für die Subkultur brennen, eine ganz große Dankbarkeit da ist. Es kommen weniger Menschen, aber den Menschen, die jetzt kommen ist bewusst, wie wertvoll das ist und man bekommt als Resonanz emotionalen Reichtum, wie ich es nenne, zurück.
MoX: In einem Newsletter nanntest du das Eisen den „Subkulturellen Scheinriesen in der Poritze des neuen Biedermeier“ – das passt ja sehr gut hier ins Viertel. Ihr habt ein politisches Standing, wie bewahrt man das in einem Umfeld, das immer mehr zum neuen Mainstream wird, der ja nun nicht mehr antirassistisch ist?
Fernando: Was ich so alles erzähle (lacht). Tanja, möchtest du dazu etwas sagen?
Tanja Neumann:Es ist schwieriger geworden. Ich denke, es ist immer wichtiger, dass wir ganz klar öffentlich zeigen, wo wir stehen, denn am Wochenende hast du hier natürlich die Touris, die durchrennen und bewusst vielleicht nicht mitschneiden, in welchem Setting sie sich hier bewegen. Hin und wieder muss man da auch mal klare Ansagen machen und sagen: Sorry, du bist hier falsch. Das war schon immer so und nimmt vielleicht in Zukunft etwas zu, wir wollen es zwar nicht hoffen, aber es läuft wohl darauf hinaus.
Fernando: Jahrzehnte lang war klar, dass es eine faschistische Bedrohung gibt. Aber die war immer deutlich erkennbar. So bin ich auch groß geworden. Im Magazinkeller gab es kein Konzert, ohne dass am Ende die Faschos kamen. Aber heute ist es so, dass hier Leute reinkommen, die mehr oder weniger AFD-faschistoide Standpunkte vertreten, sich aber für ganz normale Mitbürger*innen halten und den Laden ganz cool finden. So hast du hier statt Überfällen plötzlich einen freundlichen Faschismus hinterm Tresen sitzen. Das ist erschreckend geworden. Abseits dessen sind wir relativ norddeutsch-stoisch, sodass wir hier mit unserer Haltung unseren Weg gehen. Mal ist der Zeitgeist näher bei uns, mal nicht. Man soll aber auch nicht immer sagen, früher war alles besser, denn ich finde auch, dass so ein neues Awareness-Bewusstsein durchdringt. Viele Leute bemerken schneller, was sexistische und misogyne Verhaltensweisen sind, und zeigen diesen gegenüber weniger Toleranz.
MoX: Eine Frau sitzt allein am Tresen und ein Typ bittet dich, ihr von ihm etwas auszugeben. Das machst du nicht mehr, wie du auch in einem Newsletter schriebst. Du selbst hast deine Verhaltensweisen also auch verändert…
Fernando: Das ist ja genau der Punkt, dessen ich mir auch immer wieder bewusst sein muss: In was für eine Welt bin ich hineingeboren? Wie viele fürchterliche Umgangsweisen miteinander gab es – auch zum Thema Mann-Frau. Was hat man trotzdem verinnerlicht, obwohl man gegen ganz viel protestiert und revoltiert hat.  Für mich ist „woke“ eigentlich ein Kompliment und kein Schimpfwort. Sich selbst und sein Verhalten immer kritisch zu reflektieren ist ein lebenslanger Prozess. Die Hardcore-Punk Szene in den 80er und 90ern war auf eine fiese Art so richtig frauenfeindlich. Fies, weil sie sich so vom gesellschaftlichen Mainstream abgrenzte: „Wir sind ja anders“, aber gleichzeitig doch nicht anders war. Das musste ich auch alles erstmal erkennen. Vieles fand ich schon damals nicht toll, habe aber viel zu wenig dagegen protestiert.
MoX: Der Faktor Alkohol spielt natürlich auch eine Rolle…
Fernando: Das ist mir wichtig zu betonen, auch wenn es sich schön zurechtgelegt anhört: das hier ist ein sozialer Raum, in dem auch Alkohol getrunken wird und nicht in erster Linie eine Kneipe, in der getrunken wird. Ich verbringe meine Abende hier größtenteils alkoholfrei, um zu moderieren, was Alkohol manchmal auch mit den Menschen macht, die man ein paar Stunden zuvor noch als moderat erlebt hat. Das gibt aber auch vielen eine Chance zu erkennen, was in ihnen schlummert und das vielleicht mal anzugehen. Da ist es auch unsere Position, das nicht einfach nur zu verurteilen, sondern das auch mal gemeinsam zu reflektieren. Außer bei den richtigen Arschlöchern, die fliegen raus.
MoX: Aber hier gibt es auch Kultur, demnächst spielen z.B.  Catapults aus Oldenburg bei euch. Wie kamt ihr auf die Idee, Konzerte in diesem winzigen Laden zu veranstalten?
Fernando: Das ging am allerersten Abend los – am 16. April 1992 startete das Eisen bei drei Abenden mit drei Konzerten. Das war damals der Spirit der Gründerinnen. Es sollte eine Musikkneipe sein. Das ging mit den Jahren immer mal wieder verloren, aber grundsätzlich war immer der Gedanke da: Wir haben da eine Bühne, da passen schon irgendwie Leute drauf. Und wenn dann die Leute dort draufstehen und spielen und der Laden voll ist, dann hat das eine Energie, wie so ein Mikro-Schlachthof, auch wenn das jetzt anmaßend klingt (lacht). Das wird mir auch oft geschildert: Die Konzerte sind zwar sehr klein, aber intensiv.
MoX: Wie wuppt ihr das finanziell?
Fernando: Ich glaube der Laden funktioniert nur, weil wir, seit wir ihn übernommen haben, nie einen Businessplan hatten und die Leute spüren, dass wir nicht wirtschaftlich denken, sondern emotional. So kommen manche Bands auch mal her, für die das Eisen eigentlich zu klein ist, weil sie einen Spirit spüren, den es anderswo vielleicht nicht gibt. Meine Sozialisation sind die AJZs des Landes, wo man für kleines Geld Bands neu entdecken konnte. Das wollen wir hier auch vermitteln. In der Subkultur gibt es drei Säulen: die Künstler*innen, die Venues und das Publikum. Letzteres ist launisch und auch wir wissen nicht immer, ob es voll wird. Da wir auch nach Jahrzehnten noch kein Muster entdeckt haben, ahnen wir, wie hart das für die Bands sein muss. Daher wollen wir diesen zumindest das Gefühl vermitteln, dass wir uns freuen, dass sie da sind und sie wertschätzen. Sie sollen vernünftiges Essen bekommen und eine vernünftige Gage. Wir haben eine Bandwohnung über dem Laden angemietet, noch so eine völlig wirtschaftlich chaotische Schnapsidee und dann schauen wir, wie sich das refinanziert. Wenn die Konzerte gut laufen, ist das eine schwarze Null und einige Leute merken vielleicht, dass das Eisen ganz cool ist und kommen wieder.  Das ist für uns Kalkulation genug, der Rest ist emotionaler Reichtum, das wird von vielen unterschätzt. Das war der Grundgedanke. Dieses Jahr kam die Option dazu, dass die WFB – Wirtschaftsförderung Bremen – tatsächlich ein Bühnenprogramm für kleine Läden aufgestellt hat. Dafür sind wir unglaublich dankbar und können uns jeweils für unsere Konzerte bewerben.
MoX: Das wird ja auch mal lauter – teils mit Fenstern auf. Wie geht das mit den lieben Nachbarn?
Fernando: Das Eisen steht hier als Monument seit 33 Jahren und drum herum verändert sich vieles. Gerade in den letzten Jahren ist es aber so, dass wir da sehr viele tolerante Nachbarn haben. Die wissen, spätestens 22:30 Uhr ist das hier vorbei. Zudem haben wir das große Glück, dass der Sielwall ein Mischgebiet ist und wir rechtlich mehr Möglichkeiten haben als die Eule oder das Lagerhaus im Wohngebiet. Und teils kommen auch die Nachbarn her und schauen sich die Konzerte an.
MoX: Pläne, Ideen, Träume für die Zukunft?
Fernando: Also, wenn Marcus Wiebusch oder Kettcar hier mal spielen wollen, dann kann ich beruhigt aufhören... Und ich habe einen zweiten Traum: Turbostaat spielen im Eisen „Eisenmann“.
Interview und Foto: Thea Drexhage

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