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Oase im steinernen Häusermeer14.09.2022



Natürlich waren selbst in dem von Tucholsky herangezogene Berlin der endenden Kaiserzeit und beginnenden Weimarer Republik Erholungsangebots-Alternativen sowohl zu jenen steinernen Null-acht-fuffzehn-Schachteln als auch zu den rangepappten Balkönchen durchaus vorstellbar für vermögende Großstädter, die sich ihre prächtigen Gründerzeitvillen mitsamt repräsentativer Gärten vorausschauend von angesagten Architekten nahe dem späteren Zentrum der dauerpulsierenden Vergnügungsmetropole hatten planen und errichten lassen. Zu bestaunen ist solch eine städtebauliche Oase noch heute unweit  des quirligen Cityboulevards Kurfürstendamm – wo einen in der Fasanenstraße 23, 24, 25 das sogenannte Wintergartenensemble in frühere Zeiten zurückversetzt.
Unter den drei benachbarten Gebäuden befindet sich das erste in dieser Straße gebaute Anwesen von 1889, im dem bis vor kurzem das Käthe Kollwitz-Museum ansässig war – und das gerahmt wird von der Repräsentanz des über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Auktionshauses Villa Grisebach zum einen und dem Literaturhaus zum anderen, das 1986 als erstes seiner Art in Deutschland in der Hausnummer 23 eröffnet wurde, mitsamt nutzbaren Räumlichkeiten für Lesungen oder Ausstellungen, Gästeappartements, Buchhandlung im Souterrain und Cafe-Restaurant.
Bei Wohlfühltemperaturen laden neben dem Wintergarten des Literaturhaus-Restaurants dessen Terrasse im idyllischen Garten zum Sitzen, Diskutieren und Erleben der nach draußen verlegten literarischen oder musikalischen Veranstaltungen ein. Erst recht ins Endschleunigen kann man beim Schlendern durch die drei miteinander verbundenen Stadtvillengärten kommen – und mal ehrlich: Wer hätte solch ein Kleinod im ansonsten eng bebauten Bereich nahe dem Ku´damm vermutet, das 1987 als Gartendenkmal wiederbelebt wurde, und seither nicht nur von Anwohnern sondern auch von der interessierten Öffentlichkeit gratis betreten und bestaunt werden darf?!?
Würden wir uns in das Jahr 1889 zurückbeamen, man müsste ein Stück weit den Weitblick des frisch gewählten Charlottenburger Stadtabgeordneten Hildebrandt bewundern, der sich seine Gründerzeitvilla damals als erstes Wohngebäude in der Fasanenstraße hatte errichten lassen: Auf einem Areal, auf dem bis dahin eine Baumschule betrieben worden war – ringsum Brachfläche mit Ausnahme des ab 1890 zur Bebauung freigegebenen nahen Kurfürstendamms. Vorausschauend hatte man auf diesem späteren Prachtboulevard bereits Schienen gelegt und eine Dampfstraßenbahnlinie in Betrieb genommen, um amüsierwillige Ausflügler vom nahen Fernbahnhof Zoo in Richtung Grunewald zu befördern. So schnell, wie bis zur Jahrhundertwende großbürgerliche Wohnpaläste, Theater, Lichtspielhäuser, Cafes, Bars und Restaurants entlang des früheren kurfürstlichen Reitwegs hochgezogen wurden und sich in den Ku´damm-Nebenstraßen Bauherren die letzten freien Grundstücke leisten mochten, bekam auch das Anwesen in der Fasanenstraße 24 solvente Nachbarn. Noch 1929 hätte man im Garten der Hildebrandt´schen Villa einer Lesung des russischen Exil-Berliners und „Lolita“-Autoren Vladimir Nabokov beiwohnen können; in den 1940er-Jahren wurde das Gebäude zum Reservelazarett umfunktioniert. Und nach Kriegsende fungierte das Haus mal als Volksküche, Studentenheim, Bordell und Disco, verlotterte zusehends mehr.
Es ist dem nimmermüden Engagement einer West-Berliner Bürgerinitiative zu verdanken, dass in den 1980ern der heute denkmalgeschützte Prachtbau vor dem Abriss bewahrt werden konnte. Beim Denkmalamt erkannte man die Einzigartigkeit des Stadtvillengartenareals, ließ es nach noch vorhandenen Uralt-Plänen wieder anlegen – und machte das Ergebnis mit den beiden gleichermaßen schützenswerten Nachbaranlagen der Öffentlichkeit zugänglich. Um es mit den Worten der zuständigen Landesdenkmalamtssprecherin Gesine Sturm zu sagen: Ein Gewinn sowohl für alle Anwohner als auch für jeden Besucher, der in den liebevoll gepflegten Gartenoasen zur Ruhe kommen will.
Doch so reibungslos die Zusammenarbeit von Bürgerinitiative und Landesdenkmalamt hier nun schon seit Jahrzehnten funktioniert, Berlin wäre nicht Berlin, würde sich nicht ein paar Meter weiter der Behörden-Irrsinn wenig durchdacht Bahn brechen: Im Kreuzungsbereich von Fasanenstraße und Kurfürstendamm wurde vor ein paar Monaten in leuchtendem Grün auf dem Asphalt ein Fahrradweg ausgewiesen, flankiert von eng gesetzten Pollern. Doch schon nach nicht mal fünfzehn Metern endet der markierte Abschnitt direkt vor dort rechtmäßig parkenden Fahrzeugen – um vorbeizukommen, müssen Radler wie früher auf die viel befahrene, enge Straße neben den abgestellten Autos ausweichen. Weshalb dieser bescheuerte Kürzest-Radweg von potenziellen Benutzern konsequent ignoriert wird und bei Passanten allenfalls Kopfschütteln oder ätzende Kommentare auslöst. Über die Kosten des „neuen Irrsinnsradwegs“, so das einhellige Votum der lokalen Medien, hüllt man sich im Bezirk fürs erste in Schweigen, will die ausgewiesene Radlerstrecke weiter vorantreiben, indem die Straßenparkplätze wegfallen könnten. Viel gewonnen wäre damit nicht, da das drei Häuser weiter gelegene jüdische Kulturzentrum Sicherheitsbedenken geltend macht.

Text und Foto: Horst E. Wegener

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