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Erinnern, erzählen, mitgestalten24.06.2026





Text und Fotos: Annika Müller


Viele Kulturinstitutionen bemühen sich um Offenheit und schaffen dennoch Distanz. Hier scheint das anders zu sein. Wer das Gebäude betritt, blickt nicht zuerst auf eine Kasse oder auf Personal, das den Neuankömmling prüfend mustert. Stattdessen fällt der Blick auf einen Treffpunkt: einen Ort zum Ausruhen, Lesen und Austauschen. Gleich daneben lädt das Café Atrium zu Kaffee und Kuchen ein.
Mit dem Ticket in der Hand geht es selbstständig durch die Ausstellung. Ein Scanner öffnet den Weg in die einzelnen Bereiche. Kein Sicherheitspersonal begleitet jeden Schritt. Die Atmosphäre wirkt entspannt. Fast so, als würde man nicht nur ein Museum betreten, sondern einen öffentlichen Raum. Auf den Ebenen eins und zwei befindet sich die neue Dauerausstellung zur Stadtgeschichte. Die erste Ebene stellt eine grundlegende Frage: „Was ist Stadt?“ Die Ausstellung blickt hinter die Fassaden Oldenburgs und zeichnet die Entwicklung von den ersten Siedlungsspuren bis in die Gegenwart nach. Sieben Themenbereiche verbinden historische Wendepunkte mit den Geschichten prägender Persönlichkeiten und Orte. So entsteht ein vielschichtiges Bild der sozialen, wirtschaftlichen und räumlichen Kräfte, die Oldenburg geformt haben und bis heute prägen.
Besonders eindrücklich wird die Zeit des Nationalsozialismus dargestellt. Die Herrschaft der Nationalsozialisten begann in Oldenburg bereits im Mai 1932 und damit Monate früher als im übrigen Staat. Fotografien zeigen das Rathaus mit Hakenkreuzfahnen. Es sind beklemmende Bilder. Sie machen deutlich, wie eng politische Macht und die Gestaltung einer Stadt miteinander verbunden sind.
Geplant war sogar ein sogenanntes „Gauforum“, mit dem Oldenburg als Gauhauptstadt umgestaltet werden sollte. Der Krieg verhinderte die Umsetzung. Andere Formen der ideologischen Umgestaltung fanden jedoch statt: Straßen und Plätze wurden umbenannt, Erinnerungsorte zerstört. Nach den Novemberpogromen 1938 wurden die Überreste der Synagoge in der Peterstraße und die jüdische Schule abgerissen. Die jüdische Gemeinde wurde anschließend aus dem Vereinsregister gelöscht.
Zwischen historischen Dokumenten und Exponaten erzählen Videointerviews von Oldenburgerinnen und Oldenburgern. Sie sprechen über ihre Stadt, über Orte, die ihnen wichtig sind, und über das, was sie mit Heimat verbinden. Dadurch wird die Ausstellung immer wieder in die Gegenwart geholt. Denn die Frage nach der Stadt ist auch eine Frage nach dem Zuhause. Und damit nach Wohnraum, Zusammenleben und gesellschaftlicher Teilhabe.
Eine Stadt entsteht nicht einfach. Sie wird geplant, verhandelt, erkämpft und verändert. Genau diesen Gedanken greift die zweite Ebene auf. Unter der Leitfrage „Wer macht Stadt?“ richtet die Ausstellung den Blick auf Herrschende, Bürgerinnen und Bürger sowie soziale Bewegungen. Sie zeigt, wie politische Entscheidungen und gesellschaftliche Konflikte das Leben der Menschen beeinflusst haben und bis heute beeinflussen.
Besonders gelungen ist dabei, dass die Ausstellung keine Vorkenntnisse voraussetzt. Die Stationen sind zugänglich und interaktiv. Sie vermitteln nicht nur Wissen, sondern stellen Fragen. Warum ist Oldenburg deine Stadt? Was bedeutet Heimat? Wem gehört öffentlicher Raum?
Der Anspruch des Museums endet nicht bei der Ausstellung. Unter dem Motto „SMO. Das bist du.“ sammelt das Stadtmuseum Geschichten aus der Stadtgesellschaft. Freivitrinen können von Bürgerinnen und Bürgern gestaltet werden. Auf Monitoren laufen persönliche Beiträge, auf Projektflächen finden Gespräche, Veranstaltungen und Aktionen statt. Das Museum versteht sich nicht nur als Ort der Erinnerung, sondern als Plattform für Beteiligung.
Filme, interaktive Medienstationen, Alltagsobjekte vergangener Jahrzehnte und Tastobjekte schaffen dabei einen Zugang, der spielerisch wirkt, ohne oberflächlich zu sein. Immer wieder regt die Ausstellung dazu an, den eigenen Blick auf die Stadt zu hinterfragen.
Das Ziel des Museumsteams ist offensichtlich: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Oldenburgs zusammenzubringen und zugleich einen Ort der Begegnung zu schaffen. Dieses Ziel scheint erreicht. Denn am Ende des Rundgangs wartet die Dachterrasse. Von hier fällt der Blick auf den Lappan. Unten ziehen Menschen vorbei. Fahrräder, Busse und Autos durchqueren die Straßen. Die Stadt ist in Bewegung.
Nach Stunden zwischen Ausstellungsräumen und Erinnerungen sieht man plötzlich wieder das Oldenburg von heute. Eine Stadt, die nicht nur von ihrer Geschichte geprägt wurde, sondern jeden Tag neu entsteht. Sie entwickelt sich durch politische Entscheidungen, durch ehrenamtliches Engagement und durch das Zusammenleben ihrer Bewohnerinnen und Bewohner. Es ist ein passender Schluss für diese Ausstellung. Denn sie macht deutlich: Stadtgeschichte ist nichts Vergangenes. Sie wird jeden Tag weitergeschrieben.

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