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Buch-Tipps

„The Story Of Art Without Men“ von Katy Hessel27.05.2026



Interview & Foto: Thea Drexhage

Gleichzeitig habe ich damals kaum hinterfragt, warum darin fast ausschließlich männliche Künstler vorkommen. Genau hier setzt The Story Of Art Without Men von Katy Hessel an. Das Buch erzählt Kunstgeschichte neu, indem es Künstlerinnen sichtbar macht, die über Jahrhunderte hinweg gearbeitet, experimentiert und Kunst-strömungen geprägt haben - ohne dauerhaft Teil des Kanons zu werden. Für mich war das Lesen wie ein Perspektivwechsel: Man merkt plötzlich, dass Kunst-geschichte keine feste Wahrheit ist, sondern eine Auswahl dessen, was erinnert wird.
MoX: Was hat Ihnen besonders gut gefallen?
Bettina Hauke: Besonders eindrücklich fand ich Beispiele, die bekannte Werke neu kontextuali-sieren. Wir alle kennen das berühmte Abendmahl von Leonardo da Vinci, doch kaum bekannt ist das monumentale Renaissance-Gemälde desselben Motivs von Plautilla Nelli. Die Kunst war also immer vorhanden, nur die Aufmerksamkeit war ungleich verteilt. Ein Werk, das mich persönlich sehr beschäftigt ist Night And Sleep von Evelyn De Morgan. De Morgan war nicht nur Malerin, sondern politisch engagiert: Sie wurde unter denselben Bedingungen wie ihre männlichen Kollegen in die Londoner Kunstszene aufgenommen, war die erste Studentin an der Slade School Of Fine Art, aktive Pazifistin, Feministin und Mitunterzeichnerin einer Petition für das Frauen-wahlrecht im Jahr 1880. Gerade deshalb lese ich Night And Sleep heute anders. Das Bild ist voller symbolischer Aussagen: Frauen erscheinen nicht als passive Schönheitsideale, sondern als autonome Kräfte, die Übergänge, Ruhe, Transformation und geistige Freiheit verkörpern. Im Vergleich dazu steht Die Geburt der Venus von Sandro Botticelli, in dem Weiblichkeit als harmonisches Ideal inszeniert wird - bewundert und betrachtet. De Morgan hingegen gibt weiblichen Figuren Hand-lungsmacht und innere Autorität. Genau solche Perspektiv-verschiebungen macht Katy Kessels sichtbar. Besonders gefallen hat mir, dass das Buch nicht anklagend wirkt. Es geht nicht darum, bekannte Künstler zu verdrängen, sondern das Bild vollständiger zu machen.
MoX: Wem würden Sie das Buch empfehlen?
Bettina Hauke: Empfehlen würde ich es allen, die Kunst lieben oder neu entdecken wollen. Für mich ist es ein Lieblingsbuch geworden, weil es meinen Museumsblick verändert hat. Seitdem frage ich mich bei jedem Werk: Wer erzählt hier die Geschichte - und wessen Stimme hören wir vielleicht erst jetzt? Diese Neubewertung in der Kunst findet gerade statt und das zeigt auch die mediale Resonanz - etwa Berichte in Kulturzeit oder auf Arte, die die männlich dominierte Kunstgeschichts-schreibung zunehmend hinter-fragen.

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