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Filme im Kino
MoX Kino-Tipps KW2808.07.2026
Texte: Horst E. Wegener
Mit leiser Stimme
Frankreich/Tunesien ´26; R: Leyla Bouzid. Ab 9.7. Wertung: **** Bild: Memento Distribution
Der Besuch ihrer früheren Heimat Tunesien kommt der einst zum Studieren nach Europa emigrierten und mittlerweile in Paris lebenden Ingenieurin Lilia (Bouteraa) bereits vor der Ankunft im nordafrikanischen Küstenstädtchen Sousse wie ein Rücksturz in eine für sie indiskutable Vergangenheit vor. Gleichwohl wäre wegen des plötzlichen Todes von Onkel Daly (Rmadi) ein Fernbleiben Lilias bei dessen bevorstehender Beerdigung von niemandem in der Verwandtschaft verstanden worden – und so lässt die Heimkehrerin nach ihrer Ankunft im Haus der Großmutter die erwartbare Missbilligung ihres unschicklichen Lebensalltags im Ausland über sich ergehen. Dass sie mit ihren 32 Jahren noch keinen Mann, geschweige denn Kinder hat und in einem Männerberuf ihre Frau steht, darüber können ihre Mutter Wahida (Abbass) oder Oma Néfissa (Baccar) und Tante Heyat (Chamari) nur den Kopf schütteln; dass Lilia Wohnung und Bett in Paris obendrein mit einer anderen Frau teilt, darüber ist wohlweislich noch nie geredet worden. Und so ist Lebenspartnerin Alice (Barbeau) zwar aus Frankreich mit nach Tunesien gekommen, wurde aber unterwegs in einem Hotel einquartiert – und bekam von ihrer besseren Hälfte bei der Verabschiedung die vor Ort geltende Rechtsprechung eingeschärft, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen im Land unter Strafe stehen. Umso verblüffter nimmt Lilia dann nach der Beerdigung die Neuigkeit auf, dass Onkel Daly schwul war – ein offenes Geheimnis zumindest für einen Großteil der Verwandtschaft. Als dann jedoch zwei Polizisten auftauchen, um ungeklärte Fragen zum Lebenswandel des nackt auf der Straße entdeckten Verstorbenen zu untersuchen, hält die Familie natürlich dicht. Lilia will indes mehr über das Leben und die Todesumstände des Onkels erfahren. Gemeinsam mit Alice, die sich überraschend bei den Trauerfeierlichkeiten einstellt und somit ihre Lebenspartnerin in Erklärungsnöte bringt, begibt man sich auf Spurensuche – und die Regie nutzt die Gelegenheit, um die Situation nicht-heterosexueller Menschen in Tunesien aufzuzeigen.
„Mit leiser Stimme“ ist der dritte Spielfilm der 1984 in Tunis geborenen Filmemacherin Leyla Bouzid. Wie schon Ihre ersten beiden Kinofilme wird auch hier detailreich von den Einschränkungen individueller Freiheiten in der arabischen Welt erzählt. Hinterfragt werden die sich bildenden Schwierigkeiten, wenn sich riesige Geheimnisse zwischen Familienmitgliedern auftürmen - und wie belastend es dann für alle Beteiligten wird, diesen aus dem Weg zu gehen. „Mit leiser Stimme“ geht als ebenso künstlerisch wie politisch motivierter Protest durch, der Realität abbildet und wenig hoffnungsfroh in die Zukunft blickt.
D: Eya Bouteraa, Hiam Abbass, Marion Barbeau, Feriel Chamari, Karim Rmadi, Salma Baccar.
Die Odyssee
GB/USA ´26; R: Christopher Nolan. Ab 16.7. Vorankündigung Bild: Universal Studios
Basierend auf Homers Epos erzählt Christopher Nolans Action-Fantasy-Mär „Die Odyssee“ von den Irrfahrten des Königs Odysseus (Damon) und seiner Gefährten nach Beendigung des Trojanischen Krieges. Eigentlich wollen alle nur heim nach Ithaka, doch dann begegnet die Truppe Göttern und mythischen Gestalten wie den Sirenen, dem Zyklop Polyphon, der Nymphe Kalypso oder der Zauberin Kirke, deren man sich erwehren muss. Am Ende ist´s nurmehr Odysseus vergönnt, zu seiner längst von Nebenbuhlern bedrängten Ehefrau Penelope (Hathaway) und dem gemeinsamen Sohn Telemachos (Holland) zurückzukehren.
Regietitan Nolan ist dafür bekannt Filme explizit fürs Kino zu erschaffen: starbesetzt, raumfüllend, überwältigend, im Imax-Format.
D: Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway, Zendaya, Charlize Theron, Lupita Nyong´o.
Auf zwei Rädern
Frankreich ´24; R: Mathias Mlekuz. Ab 9.7. Wertung: *** Bild: Emmanuel Gummier
Wie soll man als Vater nur damit umgehen, dass sich der eigene Sohn im Alter von gerademal 28 Jahren das Leben nahm – offenbar ohne irgendwelche Andeutungen vorab zu machen, geschweige denn den Eltern einen Abschiedsbrief oder irgendeine Nachricht zu hinterlassen? Auch Monate später versteht der Endfünfziger Mathias (Mlekuz) nicht, weshalb sein Youri so reagiert hat. Beim Suchen nach einer Möglichkeit der Trauerbewältigung überkommt ihn die Idee, eine Reise des Ältesten für sich nachzuvollziehen, die dieser gut fünf Jahre zuvor von der französischen Atlantikküste bis in die Türkei per Fahrrad bewältigen und in einem Fotobüchlein festhalten mochte. Gesagt, geplant; mit dabei auf dieser Pilgerradreise sind Hund Lucky und Mathias bester Freund Philippe (Rebbot). Allerdings ist keiner der beiden stramm auf die 60 zugehenden Erinnerungs-Radler durchtrainiert genug, um sich den Gewalttrip strikt per Rad, Übernachtung im Zelt oder in der Hängematte draußen auf Dauer antun zu wollen – weshalb man durchaus Abkürzungen einschiebt, vom Rad auf den Bus umschaltet, die Isomatte mit einer bequemen Übernachtungsunterkunft vertauscht. Das Freundes-Duo lässt sich Zeit, besichtigt Sehenswürdigkeiten in Stadt und Natur, spricht über Schuld, Alter, Tod.
Da Filmemacher und Schauspieler Mathias Mlekuz auch im realen Leben den Tod seines Sohnes bewältigen musste, gleicht sein Spielfilm „Auf zwei Rädern“ einer Dokumentation, die zwischen Trauerbewältigung und humoristischen Passagen pendelnd dem Kinogänger gottlob allzu peinliche Selbstbespiegelungen erspart. Sehenswert.
D: Mathias Mlekuz, Philippe Rebbot, Josef Mlekuz, Adriane Gradziel, Marziyeh Rezaei.
Vaiana
USA ´26; R: Thomas Kail. Ab 9.7. Vorankündigung Bild: Disney Enterprises Inc.
Vaiana (Laga´aia) wächst auf der Südseeinsel Matunui auf und fühlt sich von klein an dem Wasser verbunden. Dass es ihr verboten ist, ins offene Meer hinaus zu paddeln oder zu schwimmen, nervt! Irgendwann ist die Zeit dann aber doch reif für die Tochter des Häuptlings Tui (Tui), um dieses strikte elterliche Verbot zu missachten. Das schützende Riff vor der Insel wird mühelos überwunden – und los geht´s mit der wichtigen Mission, die das Fortbestehen von Vaianas Stammes sichern soll. Unterwegs hat die Häuptlingstochter zunächst nur Gesellschaft von dem Hahn Heihei, doch dann gesellt sich auch Halbgott Maui (Johnson) zu den beiden. Bald gilt es fürs Trio im Kampf gegen Tiefseemonster und Piraten einen uralten Fehler zu korrigieren, der jene Wunde heilen könnte, die Vaianas Welt bedroht.
Der Mix aus Realfilm und Animationsfilmspaß als Nachklapp zum Disney´schen Trickfilm-Hit von 2016 vertraut neben Schauspieler-Newcomerin Catherine Laga´aia und Hollywood-Veteran Dwayne Johnson auch auf poppige Musicaleinlagen vor traumschönen Kulissen. Mal seh´n ob sich´s an den Kinokassen weltweit auszahlt.
D: Catherine Laga´aia, Dwayne Johnson, Rena Owen, John Tui, Frankie Adams.
Virginia Woolfs Night & Day
Irland/ Deutschland/ GB ´26; R: Tina Gharavi. Ab 9.7. Wertung: ***- Bild: Woolf Comedy Productions Ltd.
Katherine Hilbury (Bennett), genannt Kit, Enkelin eines berühmten Dichters, kann mit Poesie wenig anfangen und zieht derlei Tagträumereien eindeutig Mathematik und Astronomie vor. Doch an ein Studium oder gar eine Karriere als Wissenschaftlerin ist zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts für Frauen in ganz England nicht zu denken, weshalb Kit nur die Möglichkeit sieht, sich wenigstens als Mann zu verkleiden, um zusammen mit ihrem schwulen Cousin Cyril (Butler) an einer nur für Männer zugelassenen Veranstaltung der Astronomischen Gesellschaft teilnehmen zu können. Vor Ort von ihrem Vater (Spall) erwischt, legt der alte Herr der dickköpfigen Tochter nahe, den Heiratsantrag ihres Kindheitsfreundes William Rodney (Whitehall) anzunehmen. Da Katherine der Liebe bislang konsequent aus dem Weg zu gehen versucht hatte, wären die Aussichten auf künftige Langeweile zuhause an der Seite dieses wenig aufregenden Ehemanns in spe desillusionierend. Bei einer Teeparty begegnen der Zaudernden die temperamentvolle Frauenrechtlerin Mary (Allen) und der charmante Autor und Rechtsanwalt Ralph Deham (M´Barek). In der Folge werden die Karten prompt neu gemischt: Während sich Katherine zum Charismatiker Ralph immer stärker hingezogen fühlt, verliebt sich William in eine ihrer Cousinen.
Gesellschaftskomödie, RomCom und feministisches Empowerment – basierend auf Virginia Woolfes Romanvorlage wird von Spielfilm-Regiedebütantin Tina Gharavi das Korsett erkundet, in das Frauen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in Europa eingeschnürt wurden. Wer sich wie Katherine aufmüpfig zeigt, deren Gewissheiten werden durcheinandergewirbelt und man wird dazu gezwungen, sich einem Geflecht aus Sehnsucht, Pflicht und widersprüchlichen Gefühlen zu stellen. Gediegenes Bildungsbürgerkinofutter.
D: Haley Bennett, Timothy Spall, Jennifer Saunders, Elyas M´Barek, Lily Allen, Jack Whitehall, Misia Butler
Insekten – Helden im Verborgenen
Deutschland ´26; R: Nepomuk Pfaff. Ab 16.7. Wertung: ***** Bild: Camino Filmverleih
Insekten: Über Millionen Jahre hinweg fühlten sich diese Lebewesen in enger Partnerschaft mit Pflanzen zuständig für die Entstehung von Blüten nebst deren Hege, um somit das Fortbestehen des Ökosystems Landschaft auf unserem blauen Planeten zu gewährleisten. Zudem schufen Insekten Nährstoffkreisläufe und Nahrungsketten, die letztlich auch die Grundlage der menschlichen Existenz bilden. Nun haben sie zwar die Saurier überlebt, aber können diese teils Methusalem-alten Wesen auch uns Menschen überleben?
Diese Frage inspirierte und veranlasste den Dokufilmer Nepomuk Pfaff zu einer bilderwuchtigen Zeitreise, die den Zuschauer gut 480 Millionen Jahre zurückführt. Ausgehend von dieser erdgeschichtlichen Frühphase wendet sich die Schauspielerin Katharina Thalbach dann als allwissende Erzählerin in kleinen berührenden Geschichten einzelnen Insekten zu, die die Doku in ihrem Mikrokosmos aufspürt und begleitet. Wobei der dramaturgische Bogen des Films dann mit der Zeit zu der Frage hingeführt wird: Muss es Mensch oder Natur sein? Die Antwort darauf liefern uns mehrere visionäre Landwirte, die kundig Beispiele skizzieren, wie es der Menschheit gelingen könnte, im Einklang mit der Natur zu leben. Faszinierende Erkenntnisse, überwältigende Naturaufnahmen – und die Hoffnung, dass das Leben auf der Erde weitergehen darf, besteht fürs erste fort.
Doku.

















