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Über den Dächern von Oldenburg

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Frischer Blick08.07.2026



Interview & Foto: Thea Drexhage


MoX: Was waren die Vorgaben für die Studierenden beim Stadt(t)räume-Projekt?
Karsten Schubert: Wir feiern die 20. Saison des bau_werk und haben aus dem Anlass den Titel „Woher, Wohin“ und daraus entwickelte sich spontan aus unserer Seite der Ansatz, dass die Studierenden die sind, die hervorragend nach vorne schauen können und Ideen und Träume haben, von denen ihre Lebensumwelt später gestaltet sein sollte. Ich unterrichte, seit ich an der Jadehochschule bin, das 1. und 2. Semester im Entwerfen. Im ersten Semester bekommen unsere Studierenden im Entwerfen kleine Aufgaben, an denen sie Einzelprobleme lösen können: es geht um Formfindung, um Tragwerk, um Bauprogramme – dazu gehören jeweils kleinere Übungen. Und im zweiten Semester wagen wir uns an den ersten kompletten Entwurf. Dazu „verlosen“ wir in Oldenburg Grundstücke. Wir haben die Stadt aufgeteilt in DinA3- Felder im Maßstab 1:300 und diese werden zufällig verteilt und jeder bekommt dann so ein Feld, mit dem er sich beschäftigt. Sie befassen sich dann mit dem Areal, zeichnen Fassaden, schätzen Größen ab, wie stehen die Häuser zueinander, was sind die Funktionen etc. In der zweiten Phase kommt dann unsere Frage: wenn ihr ganz frei wärt, was würdet ihr euch wünschen? Was fehlt euch in der Stadt Oldenburg? Daraus entwickeln sich dann einzelne, sehr unterschiedliche Entwürfe, die nun im Core zu sehen sind. Wir streben dabei an, dass sich die Studierenden im zweiten Semester erstmal sehr befreien von herkömmlichen Vorstellungen wie ein Haus auszusehen hat. Wir sind interessiert daran, dass sie alles für möglich halten. Daher dürfen sie auch Dinge im zweiten Semester machen, die vielleicht schwer umsetzbar wären, um erstmal überhaupt ein kreatives Potenzial zu entfalten.
MoX: Gab es Ideen, die Sie völlig überrascht haben?
Karsten Schubert: Ein paar Dinge haben mich überrascht, dass sie kommen. Ganz vorn hängt ja ein Swingerclub zum Beispiel, oder auch eine Spielhalle. Aber andere haben mich insofern überrascht, als dass sie solche Themen aufgegriffen haben, wie wir sie auch hätten vorgeben können. Es gibt Projekte, die etwas machen mit Baulücken, oder ein Projekt das verbindend über die Dachlandschaft geht, die begrünt ist oder für eine Gartennutzung der Bewohner dienen kann. Das waren Dinge, bei denen ich gedacht habe, dass sie relativ realistisch für einen Standort wie die Oldenburger Innenstadt wären, um die Stadt attraktiver für normale Wohnnutzung zu machen. Wir haben mehrere Umnutzungsprojekte von leerstehenden Gebäuden dabei. Da war ein beliebtes Programm das Studierendenwohnen oder andere Angebote für Studierende, wie Lernräume. Es gab auch Begegnungsstellen für jung und alt. Das fand ich sehr angenehm, dass ohne Vorgabe von uns solche Vorschläge kamen, die glaube ich, wirklich eine Perspektive für eine Transformation der Innenstadt darstellen, die in dem Sinne als reines Einkaufsareal nur noch schwer funktioniert. Was ich auch schön fand: Es gab auch eine Idee eines Containerdorfs mit einem Markt, also einem selbstbestimmten Markt, wo Künstler und andere Kulturschaffende Ateliers anmieten können, aber dort auch verkaufen können mit Food Point etc. Dritte Orte zu schaffen, das kam bei vielen Projekten schon so durch, ohne dass es so benannt wurde.
MoX: Der Fokus lag stark auf Orten des Zusammenkommens: Kultur, Wohnen, Freizeit und weniger Konsum und Kommerz – ist das etwas, was sich unter den Studierenden abzeichnet, dass der Bedarf für so etwas wächst oder ist es durch die städtische Entwicklung vorgegeben?
Karsten Schubert: Es ist sicher bedingt durch das, was man vor Ort sieht. Nachdem wir die Viertel verteilt haben, machen wir einen ausgiebigen Stadtspaziergang und schauen uns die Häuser an. Da sieht man dann auch viele Leerstandsgrundstücke und wir haben natürlich drüber gesprochen, dass eine klassisch reine kommerzielle Innenstadt so nicht mehr funktionieren wird und dass man Wege finden müsste, wie es auch wieder besser funktionieren kann. Da kamen dann Argumente wie: Wenn meine Studentenbude in der Innenstadt wäre, dann würde ich da natürlich auch einkaufen. Also dieser Zusammenhang zwischen Einkaufsmöglichkeit und an derselben Stelle verschiedene andere Funktionen zu haben, das hat sich sehr stark entwickelt. Was auch schnell gekommen ist, ist der Wunsch nach mehr grün. Viele Studierende kommen aus dem Umfeld von Oldenburg und obwohl Oldenburg ja relativ grün ist, ist es für sie meistens doch zu verschlossen und zu steinern. Da gibt es dann den Wunsch zu Begrünungsmaßnahmen, was ja für uns gut ist, da mit dem Klimawandel die Städte das brauchen.
MoX: Der Titel „Stadt(t)räume impliziert natürlich auch eine Utopie. Wie weit arbeitet die Jadehochschule mit der Stadt zusammen, dass dort diese Ideen vielleicht auch mal gesehen werden?
Karsten Schubert: Das machen wir oft, aber in der Regel mit den höheren Semestern. In diesem Jahr passte das mit dem Thema für die Zweitsemester ganz gut, aber was wir da in erster Linie erreichen wollen, ist, dass die erstmals so einen großen Plan selbst zeichnen und CAD-zeichnen oder zum ersten Mal ein Gebäude mit Treppen und einem Aufzug zu organisieren. Das sind also erstmal Grundlagen, die anhand dieses Beispiels gelehrt werden und auf die sie dann in den kommenden Semestern zurükkgreifen. In den dritten und vierten Semestern arbeiten die Studierenden dann an einem größeren Bauprojekt und das machen wir schon seit einigen Jahren mit der GSG in Kooperation und bearbeiten da immer wieder Grundstücke, die auch für Oldenburg von Interesse sind. Zum Beispiel haben wir auch das 91er Areal gegenüber vom Core bearbeitet und präsentieren diese Ergebnisse auch immer wieder der Stadt. Wir sind da im regelmäßigen Austausch. Ganz viele unserer Bachelor- oder Masterarbeitsthemen werden eng mit der Stadt abgestimmt und es ist immer wieder so, dass wir fragen, welche Bedarfe es gibt und was gerade geplant wird, das auch für eine Untersuchung an der Hochschule geeignet wäre. So sieht man ein breites Angebot an Lösungen und bevor man einen Wettbewerb ausschreibt und formuliert, ist es ganz gut zu sehen, wo vielleicht Potenzial liegt. Das passiert dann aber eher mit den höheren Semestern.

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