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Buch-Tipps

„Momo“ von Michael Ende26.08.2026



Interview & Foto: Thea Drexhage


Ich beschäftige mich seit mehreren Jahren intensiver mit Michael Ende und ich finde, dass Momo auf mehreren Ebenen ein interessanter und auch hochaktueller Text ist. Es ist ein märchenhafter Roman über die Hauptfigur Momo, die geschlechtlich nicht klar identifiziert wird. Man weiß auch nicht, wie alt die Figur ist. Es ist ein Kind, das auf einmal da ist, in einer italienisch anmutenden Landschaft und in einem alten, verlassenen Amphitheater lebt. Die Figur Momo hat eine besondere Eigenschaft: sie kann hervorragend zuhören. Damit kitzelt sie aus allen Menschen großartige Geschichten und sozusagen das Schöne heraus. Es gibt aber auch ein Problem: die sogenannten grauen Herren. Das sind die Zeitdiebe, die den Menschen vorrechnen, dass sie doch besser Zeit sparen sollten, um diese dann später besser und effizienter zu nutzen. Es ist ein sehr antikapitalistischer Roman, der gegen Dinge wie Zeiteffizienz geht, worin ich die große Aktualität sehe. Momo gelingt es mit Hilfe einer Schildkröte und Meister Hora, das ist der Herr der Zeit, der eigentlich der Tod ist, die grauen Herren zu besiegen und damit die Zeit, die sie den Menschen gestohlen haben, wieder freizulassen.
MoX: Was hat Ihnen besonders gut gefallen?
Thomas Boyken: Zwei Dinge. Das eine ist die Aktualität. Ich denke, dass der Roman uns noch heute etwas zu sagen hat, obwohl er von 1973 ist. Bestimmte Dinge sind darin schon sehr hellsichtig antizipiert. Das andere ist, dass er einfach gut geschrieben ist. Es macht Spaß ihn zu lesen. Man merkt, dass Michael Ende ein sehr versierter Autor war, denn man findet verschiedene, auch intertextuelle Bezüge, zum Wissen des 18. und 19. Jahrhunderts. Zeitphilosophie spielt tatsächlich eine große Rolle und es ist nicht trivial, was darin behandelt wird. Was ich bemerkenswert finde ist, dass diese komplexen und schwierigen Themen mit einer großen Leichtigkeit behandelt werden.
MoX: Wem würden Sie das Buch empfehlen?
Thomas Boyken: Allen! Tatsächlich ist das ein Text, den man schon mit 8 oder 9 Jahren lesen oder vorgelesen bekommen kann. Aber auch ein Mitte 40-Jähriger, so wie ich, oder ein 80- oder 90-Jähriger kann darin etwas finden. Das ist All-age-Literature.
MoX: Wie haben Sie das Buch gelesen?
Thomas Boyken: Der Roman ist mir tatsächlich sehr spät begegnet, aber als Kind habe ich bereits die Verfilmung mit Radost Bokel gesehen, von 1986. Darin spielt neben Bokel auch Armin Müller-Stahl als einer der grauen Herren mit und auch Mario Adorf, mit dem Michael Ende zusammen auf der Schauspielschule war. Der Film war sehr unheimlich und hat mich als Kind geängstigt. Den Text selbst habe ich dann tatsächlich erst im Studium gelesen. Literarische Texte lese ich bevorzugt gedruckt, Forschungstexte oder Arbeiten von Studierenden aber tatsächlich digital.
MoX: Was wissen Sie über den Autor?
Thomas Boyken: Er ist 1929 geboren und 1995 gestorben. Sein erster Erfolg kam mit „Jim Knopf’ im Jahr 1960. Dafür hat er auch den deutschen Kinderbuchpreis bekommen. 1970 ist er nach Italien gegangen und hat dort lange gelebt. Nach dem Tod seiner ersten Frau kehrte er teilweise zurück nach Deutschland und hat später seine Übersetzerin ins Japanische geheiratet. Er gehört zu den deutschen Autoren, die wirklich sehr weit übersetzt worden sind. Es gibt eine ganz breite Michael Ende Rezeption im Ostasiatischen Raum, aber auch in den USA durch „Die unendliche Geschichte“ zum Beispiel.

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