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Spezialist für menschliche Abgründe09.09.2026



Text: Horst E. Wegener


Dass sich der 1963 in Detroit geborene LaBute seit den 1990er Jahren international einen Namen im Regiefach gemacht hat und er als ausgewiesener Spezialist für menschliche Abgründe gilt, ist wohl vor allem jenen Erfahrungen zuzuschreiben, die der Film- und Theaterbegeisterte schon in der Jugend als Mitglied der strenggläubigen Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage durchleben konnte. Während seines Film- und Theater-Studiums an der von Mormonen gegründeten Brigham Young Universität, kurz BYU, testete LaBute mit Vorliebe die Grenzen dessen aus, was die sittenstrenge Glaubensgemeinde im US-Bundesstaat Utah ihren BYU-Studenten an Freiraum zugestehen mochte. Immer wieder wurden LaBute-Inszenierungen unmittelbar nach der Premiere abgesetzt oder ins Archiv verbannt, während sein Regietalent zugleich durchaus gewürdigt wurde. Für seinen Studienabschluss sicherte sich der unbequeme Freigeist, der gern mit dem schauspielernden BYU-Kommilitonen Aaron Eckhart zusammenarbeitete, dann aber doch Stipendien für die wesentlich liberaleren Universitäten von Kansas, von New York und schließlich für die Royal Academy of Arts in London. Anno 1993 kehrte LaBute erneut an die BYU zurück, um dort am Theater sein Drama „In the Company of Men“ uraufzuführen – mit Erfolg, da man ihm für seine Regieleistung sogar eine Auszeichnung von der Association for Mormon Letters zusprach. Nach der Aufnahme einer Lehrtätigkeit an der Indiana University von Fort Wayne begann der mittlerweile aus der Kirche ausgetretene Film- und Theater-Dozent damit, seinen Bühnenerfolg „In the Company of Men“ fürs Kino zu überarbeiten. Das Ergebnis brachte ihm dann 1997 prompt sowohl die Filmmakers Trophy beim renommierten Sundance Film Festival ein, gefolgt von weiteren Preisen sowie Nominierungen beim Deauville Film Festival, den Independent Spirit Awards, dem Thessaloniki Film Festival undundund. Auch LaButes Nachfolge-Regiearbeiten im Kinobereich - angefangen mit „Your Friends & Neighbors“ (´98) hin zum in Cannes mit dem Drehbuchpreis ausgezeichneten „Nurse Betty“ (2000) - kamen beim Independent-affinen Publikum als auch bei mainstream-orientierten Kritikern gleichermaßen gut an; was in erster Linie dem inszenatorischen Talent des Beziehungskonstellationen kenntnisreich sezierenden Beobachters LaBute geschuldet ist. Diese spezielle Befähigung zeigt sich etwa in der Art und Weise, wie er diesen beiden frauenfeindlichen Geschäftsleuten (einer gespielt vom LaBute-Vertrauten Aaron Eckhart) in der Filmversion von „In the Company of Men“ mit der Kamera auf die Pelle rückt, sobald sie sich eine taube Frau als Opfer ausgucken, diese zum Spaß aufreizen und dann emotional zerstören. Im Nachfolgeprojekt „Your Friends & Neighbors“, wiederum mit Eckhart besetzt, misstraut die Regie der Ehe ganz grundsätzlich, nimmt sie aufs Korn – und setzt dem Kinogänger ein schokkierendes Portrait des Liebeslebens dreier befreundeter Vorstadtpaare vor. Nun, jemand wie Neil LaBute ist eindeutig prädestiniert dafür, zumindest in seinen Theaterstücken und Filmen immerzu ein und dasselbe Thema zu variieren: Was Menschen einander Grausames antun. Im Rahmen des diesjährigen Oldenburger Filmfestivals kann man neben LaBute-Klassikern wie „In the Company of Men“, „Your Friends & Neighbors“ oder „Nurse Betty“ auch das Zweipersonenstück „Some Velvet Morning“, den Horrorfilm „House of Darkness“ sowie die Weltpremiere von „Murderous“ miterleben. Regisseur Neil LaBute nebst „Murderous“-Hauptdarstellerin Gia Crovatin werden das Festival als Gäste besuchen.

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