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Hans und Grete und der Entführer 31.5.12

Junges Staatstheater präsentiert mit „Verschwunden“ märchenhaftes Kriminalstück
Text | Sylvia Mallinkrodt-Neidhardt

Irgendwie ist es die altbekannte Geschichte von Hänsel und Gretel – und ist es doch nicht. Mit „Verschwunden“, einem „modernen Märchen“ des britischen Gegenwartsautors Charles Way, präsentiert das Junge Staatstheater Oldenburg ein Stück, das klassische (Märchen-)Klischees mit der realen Erlebniswelt junger Menschen verbindet. Genre übergreifend werden Armut in der Familie und soziale Vernachlässigung von Kindern zeitnah thematisiert. Und auch, wenn letztlich alles wie im Märchen ausgeht, bietet die Aufführung bis dahin jungen Heranwachsenden (ab 12 Jahren) nicht nur 60 Minuten spannende Unterhaltung, sondern durchaus auch Stoff zum Nachdenken.
Trotz einiger Märchenelemente ist „Verschwunden“ ein eigenständiges Stück, das Krystyn Tuschhoff interessant in Szene gesetzt hat. Zeitweise beinahe Kammerspiel, dann wieder imaginäres Theater, entwickelt sich die Inszenierung von der Sozialstudie zum Kriminalfall – und das jugendgerecht. Dabei ist das Stück des Briten, das im Englischen doppeldeutig „Looking for Grethel“ heißt, kein klassisches Theaterstück. Die Schauspielerinnen und Schauspieler selbst agieren verhältnismäßig selten in ihren Rollen. Schlüsselszenen werden von ihnen mit kleinen Puppen und Einsatz von Videotechnik dargestellt. Zumeist reden sie über ein wenig erfreuliches Leben, erzählen, jeder aus seiner Sicht, aus dem Familienalltag, liefern sich gegenseitig Reizworte, doch sie widersprechen dem jeweils anderen nicht, relativieren vielleicht ein wenig. Begleitende Mimik und Gestik machen tatsächliche Aktion unnötig. Als geschickter Regieeinfall erweist sich die Sache mit den Rollenschildern für die vier Darsteller/innen. Grete, Hans, Stiefmutter und Vater/Cousin ist da zu lesen. Von Zeit zu Zeit wird mit einem Fingerzeig darauf oder durch Hochheben eines Schildes deutlich: Ich spiele jetzt eine ganz bestimmte Rolle. Ein Verfremdungseffekt, der verhindert, dass die jungen Zuschauer sich zu sehr mit den Figuren identifizieren – was möglicherweise belastend sein könnte. Gelungen auch die Atmosphäre gebende Ausstattung der Bühne von Uta Materne: mit Tischen für die Heimarbeit im Vordergrund und einem (so ständig wachsenden) Miniatur-Märchenwald im Hintergrund. Zwei miteinander verknüpfte Szenarien, in denen das Stück auf aktuelle Themen der Gegenwart anspielt – bis hin zur Kindesentführung. Und wie Betroffene, Medien und Öffentlichkeit darauf reagieren…
Hanna Franck ist eine ideale Besetzung der Grete, eines jungen Mädchens, das sich nach einer heilen Familie sehnt, seine innere Einsamkeit hinter aufgesetzter Fröhlichkeit verbirgt. Hervorragend ihre Darstellung als Entführungsopfer, das sich eine zweite Persönlichkeit schafft, um der Angst entgegen zu wirken. Rüdiger Hauffe überzeugt als Hans, als ein mürrischer  junger Mann voller Wut, der sich in sich selbst zurückzieht, um zu überleben. Beeindruckend seine Darstellung des großer Bruders, der gegenüber der kleinen Schwester Grete erstaunlich fürsorglich und sanft werden kann. Anna Steffens gibt spielfreudig eine schrille Stiefmutter, die an die böse Hexe im Märchen erinnert, andererseits aber sehr menschlich nur glücklich sein möchte, dabei aber Glück mit Reichtum verwechselt. Bernhard Hackmann zeigt sich souverän in der Darstellung des schwachen Vaters, der seine Arbeitslosigkeit im Alkohol ertränkt und seiner Frau nichts entgegen zu halten vermag. Routiniert auch seine Vorstellung als Entführer in der Rolle des Cousins. Wirklich eine interessante Aufführung.

Weitere Vorstellungen: 31.5., 1., 5.-7.6., 12.-14.6., Staatstheater, Spielraum, OL

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