LzOLzO
OLDENBURG
Montag

6

April

Foto:
Über den Dächern von Oldenburg

Hier geht es zu den aktuellen Ausgaben

Suche:

direkte Antwort ohne Umwege!

Veranstaltungen

Datum

bis

Kategorie

Ort

Location

Festival

Kleinanzeigen

Konzerte

Neues, ambitioniertes Projekt: Marcus Schinkel Trio in der Jahnhalle, Nordenham; Interview23.01.2020



Interview  |  Ralf Koch

Begleitet werden sie durch Sänger und Komponist Johannes Kuchta, der sich kurz vor dem Durchbruch als Profimusiker für eine Karriere als Neurochirurg entschieden hatte, und der nebenbei Soundtracks für Tanzproduktionen, Werbung und Netflix Filme schreibt.

2017 ursprünglich als einmaliges Tribut-Konzert für den verstorbenen Keith Emerson geplant, bekam dieses Bandprojekt schnell eine Eigendynamik und wurde mit eigenen Songs erweitert. Das Endergebnis erinnert dann auch weniger an ELP und ihrem verschwurbeltem, Früh-70er-Prog-Gedudel – von dem 4-minütigen Instrumental „Gnomus“ vielleicht mal abgesehen, eher schon an das klassische Original. Das bereits Ende letzten Jahres veröffentlichte Album ist eine atemberaubende Mischung aus Pop, Jazz, Klassik und Artrock, aus wunderschönen Pianomelodien im späten Bruce Hornsby-Stil, vertracktem Pop zwischen Joe Jackson und Spät-70er-Genesis und diversen Jazz/-rock und Klassik-Momenten, die das Ganze zu einem sehr intensiven Hörerlebnis erweitern. Auf dem Album haben sie acht der ursprünglich von Mussorgski vertonten Bilder verwendet, für ihre Live-Tournee haben sie auch die restlichen zwei Bilder hinzugenommen. Mehr dazu von Marcus Schinkel.

Ich war nie so der ELP Fan – aber der muss man für dieses Projekt auch gar nicht sein, oder?
Eigentlich gar nicht, denn sowohl ELP als auch wir beziehen uns ja auf Mussorgski und die haben quasi auch gesagt, sie nehmen die Melodie, drehen sie um und spielen sie rückwärts – machen also etwas komplett neues draus. Und ich glaube, den Ansatz hatten wir auch. Die Gemeinsamkeit ist, dass wir die gleiche Besetzung haben – Keyboard und Klavier dominiert – und die wilden, ekstatischen Sachen des Keyboards werden konterkariert mit Gesang, der den Ausgleich schafft, also dieser Kontrast aus ruhigen Balladen und wilden Instrumentalparts.  
Nun, so wild wird es bei euch ja nicht… erst recht nicht im Vergleich zu ELP.
Nein, das stimmt, das Stück „Gnomus“ ist das wildeste, ansonsten gibt es eher Jazzrock-Bezüge. Ich glaube, ich habe im Gegensatz zu ELP auch eher den Jazz-Hintergrund und da war es mir wichtiger, die 70er zu zitieren – Zawinul (Weather Report, Anm. de. Red.), George Duke, Herbie Hancock – für mich war es das Sammelbecken für die Keyboarder, die mich persönlich beeinflusst haben. Und mir ist aufgefallen, dass es momentan großartige Klavierspieler gibt, aber keine charakteristischen Keyboardspieler.
Das wären zum Beispiel?
Brad Mehldau ist super, Robert Glasper mit seiner Mischung aus Hip Hop und Jazz, das sind momentan die modernsten. Das Esbjörn Svensson Trio war natürlich auch wegweisend, aber der ist ja leider verstorben.
Und was fehlt dir bei den Keyboardern? Da gibt es ja gerade im Progressive Rock auch einige…
Ja, es gibt viele gute Keyboarder, aber gerade was die Sounds angeht, fehlt mir das Besondere. Wenn du dir frühere Sachen von Jan Hammer anhörst, den hast du nach drei Tönen herausgehört. Heute hast du durch die Vielzahl der Sounds und den unendlich vielen Möglichkeiten viel mehr Beliebigkeit.
Ich habe viel experimentiert mit Klaviersounds, die ich mit Distortion-Synthesizersounds verändert habe. Eine Idee, die auch Jan Hammer gemacht hat, Moog durch Gitarrenverstärker gejagt und damit einen ganz besonderen Sound erzeugt.
Hast du einen einzigartigen Sound?
Puh, Ich fürchte, das müssen andere entscheiden. Ich versuche halt, irgendwas zwischen Klavier und Synthesizer zu machen – und da gibt es zumindest sehr wenig.
Du sagtest vorhin, ihr habt – wie ELP – auch keine Gitarre… d.h. das, was bei euch wie Gitarre klingt, ist auch von dir?
Ja, das spiele alles ich. Das kommt durch den Gitarrenverstärker, durch den ich das jage. Als Teenager habe ich viel Gitarristen gehört und wollte eigentlich Gitarrist werden – aber ich war auf dem Klavier schon zu gut.
Da lohnte es sich nicht mehr, das zu wechseln?
Genau. Ich habe auch den Barré-Griff nie geschafft. Aber ich habe halt gemerkt, dass ich meine Bontempi-Orgel an den Gitarrenverstärker anschließen kann – und dann klingt das fast genauso. Da war ich total begeistert, dass ich mit viel weniger Aufwand – und ohne Barré-Griff den Gitarrensound zaubern konnte.
Inwieweit geht es bei dem Album – ob von Mussorgski, ELP oder von euch – eigentlich um eine konkrete Ausstellung?
ELP haben den Namen verwendet und drei Bilder benutzt, wir haben auf dem Album acht Bilder und jetzt live auch die beiden weiteren dazu genommen, also bei uns ist es quasi ein Konzeptalbum. Das ganze kommt im Original Modest Mussorgski vor 175 Jahren den Tod seines Freundes, des Malers Victor Hartmann betrauert und hat daraufhin diesen musikalischen Zyklus geschrieben. Und neben ELP haben ja auch Maurice Ravel und der Japaner Tomita großartige Versionen dieses Stückes variiert. Und ich mache zwar ein bisschen Show wie ELP das auch getan haben, aber meine Grundlage sind eben eher diese Jazzrock-Ikonen der 70er.
Und die Bilder sind die Grundlage für eure Songs?
Ja, dieselben Bilder. Und ich denke, dass meine Versionen auch viel näher an Mussorgski Original sind, als ELP.
Zeigt ihr die Bilder?
Nein. Es sind auch gar nicht mehr alle erhalten. Im Internet findet man einen Teil davon, aber es sind gar nicht alle überliefert. Aber ich finde das auch schöner so, dass man seine ganz eigenen Bilder entstehen lassen kann. Wenn du dir diesen „Gnomus“ vorstellst – das sind ja im Original alles alte russische Märchenfiguren – oder „Baba Yaga“, z.B., diese Hexe mit Hühnerfüßen, ein ganz tolles Bild, das sich wunderbar in Kopfkino verwandeln lässt. Oder „Catacombe“, in dem ich Glasharfensounds verwende – das Album habe ich ja meinem alten Bassisten Bass Redmeier gewidmet und da insbesondere diesen Song, „In Lingua Mortua“ (in der Sprache der Toten), das ist für mich ein sehr wichtiges Stück, weil ich da auch an Bass denke und mit diesem Song seinen Tod irgendwie weiter verarbeite. Da spiele ich live auf einer Laserkamera – eine Technik die Jean Michel Jarre mal entwickelt hat. Ein toller Live-Moment.
Welche Rolle spielen dann die Texte dazu?
Das müsstest du jetzt Johannes fragen, aber vielleicht soviel dazu von mir – die Themen der Bilder sind ein Ausgangspunkt für seine Texte, aber sie führen ein Eigenleben. Er hat sich eben genauso inspirieren lassen. In „Il Vecchio Castello“, dem verwunschenen Schloss, geht es eigentlich um das Schloss in deinem eigenen Kopf. Johannes war als 16-jähriger mal eine Zeitlang blind, weil er sich bei einem Chemieversuch die Augen verätzt hat – und vier Wochen lang nur auf seine Ohren angewiesen war. Das war sein Ausgangspunkt für dieses Schloss, diese Mauern um ihn herum.

Voyager IV
Sa., 25.1., 20.00 Uhr, Jahnhalle, Nordenham    

EXB Handwerk
FZO urban Arom
MoX-DIABOLO Ratgeber