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Wochenzeitung DIABOLO:
Mythos Berlin
Serienstoff, der es in sich hat26.07.2018

<i>Wochenzeitung DIABOLO:</i><br />Mythos Berlin<br />Serienstoff, der es in sich hat

text  |  Horst E. Wegener

Es gibt Metropolen und große Städte rund um den Globus, die uns faszinieren. Und Menschen aus aller Welt von jeher geradezu magisch anziehen: In der Regel wegen ihrer permanent beschworenen Verheißung auf coole Jobs sowie der Möglichkeit, sich karrieremäßig besser verwirklichen und exzessiv Freizeit ausleben zu können.

Sobald im Rahmen solcher Diskussionen dann nach den üblichen Verdächtigen New York, London oder Paris Deutschland ins Visier genommen wird, fällt einem recht schnell Berlin ein – jener Sehnsuchtsort, der etwa in den letzten Jahrzehnten als Ziel von Studentenbewegten, Bundeswehrflüchtlingen, Hausbesetzern, der Raver-, Hipster-, Öko- oder der Anarchoszene herhalten durfte. Doch mal ehrlich: Am allerliebsten träumen sich Berlin-Enthusiasten schon seit längerem in die vorgeblich goldenen Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts zurück, um über die Vision einer lebensgierigen Stadt nachzugrübeln, die niemals schläft.
Demnächst bietet sich die Gelegenheit. Da könnten wir uns von den „Babylon Berlin“-Machern in die roaring twenties entführen lassen. Diese deutsche Fernsehserie beruht auf dem 1929 angesiedelten Kriminalroman „Der nasse Fisch“, geschrieben vor mehr als zehn Jahren vom Kölner Journalisten Volker Kutscher, adaptiert fürs Fernsehen vom Regie-Dreigestirn Achim von Borries, Henk Handloegten und dem hollywooderfahrenen Tom Tykwer. Wer sich zum extrem aufwändig verfilmten „Babylon Berlin“-Mehrteiler äußert, der sollte das ganze Drumherum unbedingt mit erwähnen: Angefangen bei der beeindruckenden Who’s who-Riege deutscher Schauspieler, die zusammen mit dem restlichen Team die Gesamtproduktion auf nahezu 1000 Menschen anschwellen ließ, was wiederum ein Budget von summa summarum 40 Millionen Euro ergab – und zu einer bislang einmaligen Kooperation von ARD, dem Auslandsrechteverwerter Degeto nebst dem Bezahlsender Sky führte. Gleichwohl sieht man dem Ergebnis den betriebenen Aufwand jederzeit an, konstatiert die internationale Fachkritik Kinoqualitäten und hält sich nach Vorab-Ausstrahlung des zwölfstündigen Serien-Highlights auf Sky weder mit hymnischen Kritiken noch mit zuerkannten Trophäen groß zurück. Die „Babylon Berlin“-Macher haben Kutschers Romanvorlage zu einem nach allen Seiten entwicklungsfähigen Geschichtensystem verfeinert – sie haben die Dramaturgie umgestellt, Figuren neu dazu erfunden, permanent aus dem Vollen geschöpft. Entstanden ist somit ein Sittenbild der Weimarer Republik im Gewand eines Krimis, nach Meinung eines Welt-Kritikers eine Art „Menschlicher Komödie“ der beginnenden 30er.  Und der Spiegel jubelte: „bester deutscher Serienstoff“.
Ins Zentrum ihres Serien-Spektakels stellen die „Babylon Berlin“-Macher Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch), einen jener Kriegsversehrten, die es zuhauf in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gab: Drogen halten den aus Köln nach Berlin versetzten Kriminaler in der Bahn. Was dem Fernsehpublikum anhand von Raths Leib-und-Magen-Ritual nähergebracht wird, demzufolge er nie irgendwohin aufbrechen könnte, ohne zunächst zu überprüfen, ob sein Etui mit der benötigten Tagesration an Aufputschampullen bestückt ist. In die Hauptstadt hat es Rath verschlagen, um dem Wunsch seines mit dem Kölner OB Konrad Adenauer befreundeten Vaters zu entsprechen, der es gern sähe, wenn ein heimlich aufgenommenes, kompromittierendes Sexfilmchen schnell gefunden und diskret vernichtet werden könnte. Zwar wäre unsere Neu-Berliner Spürnase lieber beim Morddezernat, hat aber auch nichts dagegen, dies als Fernziel im Hinterkopf zu behalten, um fürs erste im Dienst der Sitte einen Pornoring der hauptstädtischen Mafia auszuheben.
Unterstützt von seinem Partner Bruno Wolter (Peter Kurth) und der im Morddezernat als Teilzeit-Stenotypistin arbeitenden Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) kommt Rath einer von allen nur „der Armenier“ genannte Unterweltgröße in die Quere. Ein höchst gefährliches Unterfangen, allein schon deshalb, weil dieser von Misel Maticevic verkörperte Armenier unter anderem Betreiber des Tanzlokals Moka Efti ist, eine Art roaring twenties-Sündenpfuhl, in dessen Keller Wolter in seiner Freizeit die Hand aufhält und Ritter gelegentlich die Beine breitmacht, um ihre darbende Großfamilie durchzubringen. Während sich also in diesem Epizentrum von „Babylon Berlin“ Vergnügungssüchtige aus aller Welt mit der spreeathener Halbwelt begegnen,  wartet andernorts eine russische Geheimzelle auf einen Eisenbahnwaggon voller Gold für die Konterrevolution Trotzkis. Und da wir uns im Berlin des Jahres 1929 befinden, lassen sich Auseinandersetzungen zwischen Links- und Rechtssympathisanten längst nicht mehr unterdrücken.
Mit großer Souveränität knüpft das Regieteam Borries, Handloegten, Tykwer aus mehreren Plotsträngen ein Netzwerk. Obwohl es nahegelegen hätte, sich von Schnellschnittvorbild amerikanischer Serien anstecken zu lassen, beharrt die Regie auf epischem Erzählkino à la „Heimat“. Dass weder mit internationalem Cast noch in Englisch gedreht wurde, kommt der Atmosphäre und dem Tonfall der Zeit entgegen. Zudem schwingt eine gewisse Parallelität zum Wut-und-mutlos-Deutschland anno 2018 durchaus mit, wird Geschichte allemal bewusst in der Gegenwart gespiegelt. Kurzum: Knapp 100 Jahre später könnte einem diese akkurat ausgeleuchtete Weimarer Republik bisweilen erschreckend vertraut vorkommen.
„Babylon Berlin“ verdient die beste Startrampe im deutschen Fernsehen – und das ist der Auftaktsendeplatz Sonntag, 20.15 Uhr im Ersten, sprich: Tatort-Zeit Ende September; gefolgt von Donnerstagsterminen bis zum 8. November. Vorab besteht zudem die Gelegenheit, die kompletten 12 Stunden der 16 Folgen am 22. und 23. September in einem von 150 Kinos miterleben zu können. Und gar keine Frage: Es lohnt sich!

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