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MoX Buchporträt: „Imperium“ von Christian Kracht
Vorgestellt von Freddy Bertram, Studierender08.11.2019

MoX Buchporträt: „Imperium“ von Christian Kracht<br />Vorgestellt von Freddy Bertram, Studierender

Der Roman ist eine schöne Parabel auf das wilhelminische Zeitalter und zeigt die Irrungen und Wirrungen auf, die sowohl jenes Zeitalter als auch die Alternativbewegung ausgezeichnet haben. Innerhalb der Lebensreform, der ersten Alternativbewegung des 19. Jahrhunderts, gab es Ideen wie beispielsweise das Lichtfasten oder die Waldorfpädagogik. Der verrückteste Auswuchs dieser Bewegung war August Engelhardt und sein „Kokovorismus“. Für ihn stellte die Kokosnuss das einzige und perfekte Nahrungsmittel für den Menschen dar, da sie für ihn wie der menschliche Kopf geformt sei. Im Kaiserreich warb er unter anderem in Broschüren für seine Bewegung und verkündete darin sein neues „kokovorisches“ Weltreich. Tatsächlich konnte er für seine Idee nach und nach Anhänger gewinnen. Engelhardt reiste in die damalige Kolonie Deutsch-Neuguinea und machte sich dort als Farmer unabhängig. Seine Anhänger ließen sich ebenfalls dort nieder und die Sekte begann sich zu formieren.  Engelhardt war Aussteiger und Kapitalist zugleich, der zunehmend dem Wahnsinn verfiel. Schlussendlich nahm die Kokosnuss-Bewegung einen miserablen Ausgang und artete in Antisemitismus und Kannibalismus aus. Einerseits besitzt das Buch in der Schilderung der Ereignisse einen subtil grausamen Unterton, andererseits ist es aber auch eine wunderbare Südseegeschichte.
MoX: Wie haben Sie das Buch gelesen?
Freddy Bertram:  Tatsächlich habe ich es erst auf dem Papier gelesen und musste später notgedrungen auf die E-Book-Variante zurückgreifen. Ich lagere einen Großteil meiner Literatur im Keller und da gab es vor einiger Zeit eine Überschwemmung, sodass auch der Roman von Kracht darunter litt. Aber eigentlich favorisiere ich die gedruckte Variante, da sie auf mich altertümlich wirkt und mir auch ästhetisch mehr gibt.
MoX: Was hat Ihnen besonders gut an dem Buch gefallen?
Freddy Bertram:  Ich glaube, es sind vor allem die Figuren, die mir gefallen haben. In dem Roman ist kein reines Gut-Böse-Schema vorhanden. Alle Charaktere sind auf ihre eigene Art und Weise ein wenig widerwärtig und das wiederum kontrastiert mit der wunderschönen Umgebung und der Reiseerfahrung im Allgemeinen. Im Prinzip wie ein leckeres Gericht, dass aber eine widerliche Geschmacksnote besitzt. Ganz besonders gefällt mir auch das wunderbare, fabelhafte Deutsch, das in der Erzählung zum Tragen kommt und an den Erzählstil von Thomas Mann angelehnt sein soll. Man könnte auch sagen, der Schreibstil habe auch etwas von Herrmann Hesse in einer abstoßenden Variante. August Engelhardt hat den Wilhelminischen Geist - „Am deutschen Wesen mag die Welt genesen“ - leider wahrhaftig gelebt und das macht das Buch wiederum auch so interessant, da es den Schwachsinn von sämtlichen Bevölkerungsgruppen und deren Sub- und  Hegemonialkultur gleichzeitig darstellt.
MoX: Wem würden Sie das Buch empfehlen?
Freddy Bertram:  Dieses Buch ist wahrlich grotesk, ein Werk für Salonkommunisten und andere Leute mit elaboriertem, extravagantem, miserablem Geschmack und schwarzem Humor. Es ist aber auch für jene geeignet, die starke Emotionen mögen und keine Angst vor Kontroversen haben. Es ist wichtig, dass man den Roman als Zeitporträt einer untergegangenen, durchaus hässlichen Epoche sieht, die aber ebenso schön anzusehen ist wie ein Kuriositätenkabinett.
MoX: Was wissen Sie über den Autor?
Freddy Bertram:  Der Schweizer Schriftsteller Christian Kracht wurde 1966 geboren. Neben dem Buch „Imperium“ hat er vier weitere Romane veröffentlicht. Kracht gilt als exzentrischer Dandy, der einen außergewöhnlichen Lebensstil pflegt.
Text und Foto: Dana Hubrich