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Wochenzeitung DIABOLO:
Anders erzählen
Inger-Maria Mahlke in der Uni Oldenburg18.10.2018

<i>Wochenzeitung DIABOLO:</i><br />Anders erzählen<br />Inger-Maria Mahlke in der Uni Oldenburg

text  |  Horst E. Wegener

Der bislang gelebte Alltag von Inger-Maria Mahlke kommt uns alles andere als zielgerichtet umgesetzt vor, gleicht er doch teilweise dem eingelösten Versprechen einer europäischen Weltenbummlerin mit kurios anmutenden Karriereumwegen.

Die 1977 in Hamburg geborene Wahl-Berlinerin wuchs in Lübeck auf, verbrachte ihre Schulferien von klein auf bei der Verwandtschaft auf den Kanaren. So lernte Mahlke beizeiten die auf der Sonneninsel Teneriffa herrschende Siesta-Mentalität der zu Spanien gehörenden Südländer kennen, spezialisierte sich die Deutsche im Rahmen ihres Studiums der Rechtswissenschaft an der FU Berlin später dann aufs Ausloten der Vergangenheit, um die gewonnenen Erkenntnisse ganz nebenbei zu einer Kritik an den gegenwärtigen Verhältnissen ausformulieren zu können. Das sich allmählich abzeichnende Ziel: literarische Arbeiten. 2005 war Mahlke Teilnehmerin einer Autorenwerkstatt mit Nobelpreisträgerin Herta Müller, gefolgt von weiteren literarischen Workshops. Gut fünf Jahre später zeigten sich offenbar die ersten Früchte solcher Jungautoren-Anstrengungen: Für „Silberfischchen“, Mahlkes Romanerstling um einen verbitterten pensionierten Polizisten, der überraschend eine polnische Putze bei sich aufnimmt, sprach eine Hamburger Jury der literarischen Debütantin den mit 5000 Euro dotierten, neugeschaffenen Harbour-Front-Hauptpreis zu. Und da es sich zeigte, dass an der Begründung der Juroren („ein nahezu perfektes Prosawerk“) allemal etwas dran zu sein schien, folgten weitere Preise, die Aufnahme ins PEN-Zentrum deutscher Schriftsteller, Arbeitsstipendien, bis hin zur Berufung als Magdeburgs Stadtschreiberin. Die sieben Monate, die Mahlke vor Ort verbrachte, nutzte sie, um an der Endfassung ihres soeben in Frankfurt am Main mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Romans „Archipel“ zu arbeiten. Wer nun denkt, dass das Buch in Magdeburg spielt, liegt falsch. Aufgefächert wird über fünf Generationen hinweg die Geschichte mehrerer Familien auf der Kanareninsel Teneriffa – wobei man deren Lebensalltag von 1919 bis 2015 rückwärts erzählt bekommt. Dies kapitelweise Rückwärtsausloten bei gleichzeitigem Vorwärtsschildern innerhalb der Geschichten nebst permanentem Perspektivwechsel setzt einen äußerst aufmerksamen Leser voraus; als Hilfestellung könnten wir uns im angefügten Register der „handelnden Personen“ schlau machen, wer in welcher Szene nun gemeint sein dürfte. Ohnehin will „Archipel“ viel, ist der Roman sowohl als Sittengemälde der Kanaren angelegt, ist er zudem als Familienroman gedacht, der uns über Generationen hinweg vom Aufstieg, Fall und Verharren der Figuren in ihren sozialen Milieus erzählen mag. Die Inselgruppe vorm afrikanischen Kontinent bietet sich überdies an, von politischen Brüchen in der Geschichte Spaniens zu berichten, den Faschismus und die Nachwehen des Kolonialismus mit einzubinden, nicht zu vergessen die Entwicklung des Urlaubsorts hin zur auf massentauglich getrimmten Tourismusdestination. Verbunden in einer literarischen Lupenansicht, die gleichzeitig mit ihrer Helikopter-Perspektive verwoben wird, ergeben sich Erzählprobleme, die sich nicht immer elegant lösen lassen: Aufgrund der Struktur muss Mahlke an manchen Stellen schon Bekanntes wiederholen, beim rückwärtschronologischen Ritt durch die Epochen viele historische und lokalkulturelle Zusammenhänge erklären, was nicht unbedingt zum Lesefluss beiträgt, bemängeln Kritiker sowohl im Spiegel als auch im Berliner Tagesspiegel. Mitunter überkommt uns das Gefühl, dass es überhaupt keine Geschichte gibt, sondern nur einzelne Portraits oder Beziehungsgeflechte. Nachteilig, dass der Roman angesichts der endlos eingestreuten Beschreibungen von Straßenzügen, Häusern, Salons, Gärten oder Kleidung, stillzustehen scheint. Trotz solcher Einwände überwiegt die Einsicht sowohl beim Leser als auch bei den Buchpreis-Juroren: Mahlkes „Archipel“ gehört zur anspruchsvollsten Literatur, die derzeit in deutscher Sprache geschrieben wird.

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