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Was ist der Mensch? 17.2.10

Double Lives: Uraufführung des Tanztheaters Nordwest: Tanzcompagnie Oldenburg/Tanztheater Bremen im Oldenburgischen Staatstheater Wer die einzigartigen Tanzstücke von Tero Saarinen schon gesehen hat, der wird diese Produktion mit Spannung erwartet haben. Mit begeistertem Applaus wurde das „Doppel-Ensemble Bremen-Oldenburg“ für seine beeindruckende Arbeit mit dem bedeutenden finnischen Tänzer und Choreographen am Premierenabend belohnt.
Text | Martina Burandt

Was ist der Mensch? Licht und Schatten - Leben und Tod - Gegenwart und Vergangenheit: so könnte man den thematischen roten Faden der neuen Uraufführung des Tanztheaters Nordwest umreißen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Idee der Individualität einen hohen Stellenwert hat. So hoch, dass die daraus resultierende Ich-Zentriertheit oft zum Verhängnis jedes Einzelnen und letztendlich der Gemeinschaft wird. Dabei werden wir als Individuen von unserer Umgebung, von den Menschen, die uns in jeglichen Lebensbereichen begegnen und sogar von unseren Ahnen und Urahnen mehr beeinflusst, als es unser eitler Wunsch nach Einzigartigkeit wahr haben möchte.Zusammen mit dem Tanztheater Nordwest hat Tero Saarinen zu diesen Fragen eine überzeugende Bilderwelt in Schwarz und Weiß geschaffen. Wie gewohnt, hat er für seine Arbeit sein heimisches Team aus Sound-, Licht- und  Kostümdesign sowie Videokunst mitgebracht, was der Aufführung auch den unverkennbaren Stil der finnischen Tanzcompagnie gibt. Über die Breite der schwarzen Bühne steht eine Art sanft geschwungener weißer Paravent, der auf einer Seite wie eingerollt endet. Zusammengesetzt ist er aus schmalen durchscheinenden Stoffbahnen. Davor tanzt das schwarz gekleidete Ensemble zu erdigen Rhythmen, die Gesichter unter elastischen Gazerollkragen verborgen, die Arme in die Luft gestreckt, die Finger wild bewegt. Hier, wie auch in den zahlreichen anderen Gruppechoreographien, verwandeln sich die vielen einzelnen TänzerInnen mal zur Meereswoge, zur Windböe, mal zum Tier - fließend und schön wie ein großer pulsierender Körper. Dann erkennt man wiederum Menschen wie Bienenschwärme, Getriebene, Gefangene, Freiheitskämpfer, von denen nach und nach einzelne leise verschwinden, sich als Paare herauslösen, bis plötzlich alle weg sind. Und während vor dem Bühnenbild noch getanzt wird, erkennt man dahinter Schattengestalten in merkwürdig-traumhaften Bewegungen. Immer wieder tanzen Einzelne in Solos, Duos oder Trios aus der Masse heraus. Da erinnert ein Paar an Adam und Eva, die sich die paradiesischen Zustände zwischen  Vogelgezwitscher bald selbst verderben. Zwei andere kämpfen, ziehen und zerren mithilfe ihrer äußerst  elastischen Pullover (wunderbare Idee!) um Zweisamkeit und Autonomie. Ein drittes Paar kommt nie wirklich zusammen, weil er sie nicht sieht, während ein paar wissende Schattenfrauen das alles wie Trauernde vom Bühnenrand aus beobachten. Die Schatten, auch Ahnen, scheinen in ihren seltsamen Kostümen mit weiten Röcken und hochgestellten Krägen wie aus einem Shakespeareschen Drama entsprungen. Manche von ihnen versuchen uns nicht nur aus dem Hintergrund zu beeinflussen, sondern treten plötzlich ins reale Leben, um uns zu warnen, zu unterstützen oder auch zu traktieren. Dabei geht auch mal einer in ihrer Reihe verloren und ein Schatten agiert dagegen auf der Bühne der Wirklichkeit. So bleibt am Ende die Frage nach dem, was wir sind und wo wir bleiben ganz offen. Herdentiere, Spiegelbilder, Individuen mit vielen Seiten und in der Kette unserer Ahnen nur kleine Lichter. „Double Lives“ zeigt viele Ebenen der Realität und bietet wunderschöne, beeindruckende Bildkunst in einzigartigem Licht, dazu ein konzentriertes Nordwest-Ensemble, dass im Stil des Tero Saarinen Teams immer wieder ganz neu erscheint.

„Doubles Lives“
21., 25.2.; 3., 6., 12., 13., 17., 20., 23., 27.3., Staatstheater, OL
ab 10.4., Theater, HB