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Die Kunst der Nuancierung 18.5.12

Ralf Rothmann liest im Wilhelm13
Text | Horst E. Wegener
Ralf Rothmann war unter anderem Maurer, Koch und Krankenpfleger, bevor er es mit dem Schreiben probierte. Mittlerweile gilt der im Ruhrgebiet aufgewachsene, seit den 1970er Jahren in Berlin lebende freie Autor als einer der profiliertesten Schriftsteller seiner Generation.
Was große Literatur ausmacht, ist für einen Schriftsteller wie  Ralf Rothmann  leicht zu benennen. Ein Beispiel? „Wenn Sie den Satz schreiben: „Das Zimmer war unaufgeräumt“, greift er die Frage auf, um sie postwendend zu beantworten, „dann ist das kein literarischer Satz, es ist eine grobe Beschreibung, vor allem aber ist es eine Meinung, denn das, was Sie für unaufgeräumt halten, muss ja ich nicht dafür halten. Wenn Sie aber das Zimmer so beschreiben, dass der Leser sagt „Mann, was ist das für ein Saustall“, dann haben Sie Literatur gemacht.“ Worin sich der 1953 im beschaulichen Schleswig geborene, im Ruhrgebiet aufgewachsene Rothmann von all den  möchtegern-schriftstellernden Kollegen unterscheidet, spiegelt genau diese Präzision in der Wortwahl wider, mit der er sein Publikum nicht einfach nur sprachlich zumüllen will. Der Lohn dafür? Mit seinem Gesamtwerk kommt der unweit des Berliner Müggelsees residierende Schriftsteller bei Kritikern und Lesern gleichermaßen gut an. Nicht nur, dass sich Rothmanns im Suhrkamp-Verlag erscheinende Bücher ordentlich verkaufen, obendrein bescheren sie ihrem Schöpfer fabelhafte Kritiken. Mit Abschluss der sogenannten Ruhrpott-Romantrilogie – „Stier“ (1991), „Wäldernacht“ (‘94) und „Milch und Kohle“ (2000), die der Wahlberliner 2004 mit „Junges Licht“ zur Tetralogie erweitern mochte –, ist es dem Endfünfziger frühzeitig gelungen, als „einer der wichtigsten deutschen Gegenwartsautoren und der vielleicht beste und subtilste Erzähler seiner Generation“ dazustehen, so Hubert Spiegel in der FAZ.
Da er im Ruhrpott groß wurde, bevor es ihn in den 1970ern nach Westberlin verschlug, spielen Ralf Rothmanns Romane und Erzählungen bevorzugt im Nachkriegsmilieu des Ruhrgebiets,  im Kreuzberger Alternativsumpf der Vorwendezeit oder sie loten jene Wildost-Phase aus, unter der die wiedervereinigte Hauptstadt seit Mauerfalltagen zu leiden hat.  Sich über Leute in einem Umfeld zu äußern, das ihm geläufig ist, ist dem Autor immens wichtig. „Ich kann nur über Dinge schreiben, die ich erfahren habe“, gestand Rothmann einem Zeit-Kritiker anno 2008. Insofern spiegeln die Antihelden Berufserfahrungen ihres Schöpfers wider. Wie Carl Karlsen aus „Stier“ brach der Ruhrpottler Rothmann eine Maurerlehre ab; viele seiner Figuren entstammen proletarischen, bestenfalls kleinbürgerlichen Elternhäusern. Nach Volksschule, Handelsschule und Maurerlehre hielt sich der Oberhausener als Fahrer, Drucker, Krankenpfleger über Wasser. Seit 1976 lebt Rothmann in Berlin, wo er 1984 sein literarisches Debüt veröffentlichte, den Lyrikband „Kratzer“, für den man ihm ‘86 das Märkische Stipendium für Literatur zusprach.
Wortmächtig wie es so seine Art ist, geht der Endfünfziger im präzisen Schildern seiner jeweiligen Umgebung  auf. Und der Wahlberliner liebt das Spiel mit literarischen Motiven. Wie schon der Titel seines neuen Bandes mit Erzählungen „Shakespeares Hühner“  treffend unter Beweis stellt: „Verglichen mit den Sorgen und Nöten seiner finsteren Gestalten sind wir eigentlich nur Hühner, oder? Shakespeares Hühner. Wir machen ein unglaubliches Gegacker um lauter Kram und wissen insgeheim doch alle, dass es nicht das Wahre ist. Dass nichts das Wahre sein kann hinterm Hühnerdraht.“ So lässt Rothmann eine junge Frau in „Othello für Anfänger“ drauflos schwadronieren, in jener Erzählung, in der Shakespeares Hünen mit den titelgebenden Hühnern des Dramatikers verwechselt werden. Gekonnt schlüpft der Autor  in die Haut seiner jungen Ich-Erzählerin, die einst im Schultheater die Desdemona spielte, sich zu ihrer Verblüffung auch jenseits der Bühne in den Armen einer despotischen Othello-Darstellerin wiederfindet und sich im gemeinsamen Urlaub nun auf einen jener schüchternen jungen Burschen einlässt, aus deren Perspektive Rothmann schon so oft erzählt hat. Neben diesem urkomisch in Szene gesetzten Beziehungskuddelmuddel handelt eine der  restlichen sieben Erzählungen  von zwei Männern aus der ehemaligen DDR, die sich in der „Traber-Sonate“ nach 35 Jahren wieder begegnen. Und beide eine komplizierte Geschichte hinter sich haben. In „Tempelschlaf“  wird ein Paar portraitiert, das ein paar Tage in einem Zen-Kloster zubringt, „Sterne tief unten“ beleuchtet  die zarte Freundschaft eines einfachen Hilfsarbeiters mit einem kleinen Jungen aus Künstlerkreisen. Und in „Frischer Schnee“ liebäugeln zwei Freunde damit, sich ‘nen flotten One-Night-Stand mit ihren Kneipenbekanntschaften zu gönnen.
Großartig, wie Ralf Rothman beispielsweise seine Erzählungen eröffnet, wie er im ersten Satz ganz beiläufig die wichtigsten Koordinaten im Leben seiner Protagonisten anklingen lässt, er dadurch ein Leben auf den Punkt bringt, das macht ihn zum Ausnahmeschriftsteller. Wer ihn live erleben will: Er ist mit seinem Erzählband „Shakespeares Hühner“ am 30. Mai im Wilhelm13 zu Gast.

Ralf Rothmann liest aus seinem Erzählband „Shakespeares Hühner“ am 30.5.,  20:00 Uhr, Wilhelm13, OL