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Wochenzeitung DIABOLO:
„Keine Heimat in Ostfriesland“
Viele Gründe für die Umsiedlung aus Ostfriesland in den 50er Jahren06.07.2017



„Meine Oma kam aus Schlesien.“ Mit diesem Satz erklärte Verena Fischer, gebürtige Norderin, bei einem Vortrag im historischen Museum in Aurich ihr Interesse für das Thema Flucht und Vertreibung. Die junge Frau hatte im Jahre 2013 ihre Master-Arbeit an der Carl von Ossietzky Universität geschrieben. Inzwischen arbeitet sie als Lehrerin an der Integrierten Gesamtschule in Kreyenbrück.

Etwa 20 Millionen Menschen verloren als Flüchtlinge und Vertriebene durch den zweiten Weltkrieg ihre Heimat. Bis Ende 1955 hatten Deutschland und Österreich 13 Millionen Menschen aufgenommen. Im Gebiet der Stadt Norden lebten im Jahre 1947 gut 18.000 Menschen, davon waren 6234 Flüchtlinge.
Bald wurde deutlich, dass die erste Verteilung der Flüchtlinge nach den Kriegswirren nicht optimal funktioniert hatte. So trat, zur besseren Verteilung im ganzen Land, im Jahre 1950 das Bundesumsiedlungsgesetz in Kraft. Das klappte aber nur bedingt. Denn die Menschen hatten andere Prioritäten für ihre Wohn- und Lebensentscheidungen. Oft hatten sie Angehörige oder Freunde in anderen Orten, zu denen sie gerne umsiedeln wollten.
Für ihre Arbeit hatte Verena Fischer Materialien aus dem Staatsarchiv in Aurich gesichtet und bewertet. Über 200 Umsiedlungsanträge wurden dabei genauer unter die Lupe genommen. In der Spalte „Umsiedlungsgründe“ war da einiges zu entdecken. Etwa 35 Prozent der Antragssteller brachten hier familiäre Gründe, wie das Zusammenziehen mit Angehörigen, vor. Weitere 24 Prozent nannten als Grund die Möglichkeit, an anderen Orten eine Arbeit aufnehmen zu können. Einige gaben in ihrem Gesuch auch gesundheitliche Gründe an, etwa wegen des „recht feuchten Klimas in Ostfriesland“.
Aus beruflichen Gründen wollten viele gerne ins Ruhrgebiet umsiedeln, versprachen sie sich davon doch größere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, als im ländlich geprägten Ostfriesland. Einen Aussiedlungsantrag erwähnte die Referentin besonders. Da schrieb ein Antragsteller unter der Rubrik Umsiedlungsziele: „Keine, nur weg!“
Deutlich wurde nach Aussage der Referentin vor allem eines: „Die Flüchtlinge suchten eine neue Heimat, in der sie sich sozial und wirtschaftlich eingliedern konnten.“
Auf dem Hintergrund ihrer Beschäftigung mit dem Thema Flucht und Vertreibung nach dem zweiten Weltkrieg sagte Verena Fischer abschließend: „Immer, wenn ich in meiner Klasse in Kreyenbrück einen neuen Schüler mit Migrationshintergrund aufnehme, beeindruckt mich, dass wir diese Situation von Flucht auch heute wieder haben.“


text und foto |  Joachim Mittelstaedt

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